Katharina Lemke

FOMO oder JOMO – müssen wir offline neu lernen?

Alles um uns herum wird digitaler – wie wir kommunizieren, wie wir arbeiten, wie wir leben. Das macht unseren Alltag in vielerlei Hinsicht leichter, aber auch anstrengender. Die TK-Stressstudie schaut genau hin.

Es scheint, wir lebten in einem ständigen „Online-Offline-Dilemma“, indem wir versuchen, die richtige Balance zu finden zwischen der virtuellen und analogen Welt, zwischen Ein- und Abschalten. Das zeigt sich auch bei einem Blick in die aktuelle Stressstudie der Techniker „Entspann dich, Deutschland!“: Mehr als ein Viertel der Befragten (27 Prozent) gibt an, jederzeit per Smartphone oder Handy erreichbar zu sein. Und: Für 56 Prozent der Befragten, die nach eigener Angabe gestresst sind, gehören Soziale Netzwerke selbstverständlich zum Alltag. Ständige Erreichbarkeit ist auf Platz fünf der am häufigsten genannten Stressfaktoren.

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In einem Alltag, der durch Soziale Netzwerke gestaltet, von Push-Nachrichten und Echtzeit-Berichten getaktet wird, braucht jeder von uns ein gut geschnürtes Paket an Medienkompetenz: Wir müssen wissen, wie Smartphones, Computer und andere Endgeräte bedient werden, wie Informationen und Quellen in der heutigen Medienwelt zu lesen und einzuordnen sind. Medienkompetenz geht aber noch weiter, sie bedeutet auch, zu wissen, wie man die Smartphones, Computer, Endgeräte und Medienfluten auch mal links liegen lassen kann.

Kennen Sie das FOMO-Gefühl?

Nein, FOMO hat nichts mit dem Jugendwort YOLO (you only live once, dt.: „du lebst nur einmal“) zu tun. FOMO ist die Abkürzung für „fear of missing out“ – die Angst, etwas zu verpassen. Mit dem Wort wird ein Phänomen beschrieben, das wahrscheinlich jungen Erwachsenen nur allzu bekannt sein dürfte: Always on – eine ständige Erreichbarkeit, ein allgegenwärtiges Online-Sein via Smartphone, Sozialen Netzwerken & Co. Die Folge der FOMO: Wir nehmen unser Handy mit ins Schlafzimmer, sagen auf Facebook abends Gute Nacht und lesen gleich nach dem Weckerklingeln am Morgen, welche Krisen die Welt erschüttern. Bloß keine Neuigkeiten und keinen Trend verpassen, weil man zu lange offline war. Klingt anstrengend – ist auch so.

Das bestätigt auch die TK-Stressstudie: Fast jeder vierte Web-Nutzer (23 Prozent) ist der Meinung, er verbringe zu viel Zeit im Internet. Bei jungen Erwachsenen ist das FOMO-Gefühl besonders ausgeprägt: 30 Prozent Erwachsenen unter 30 haben Angst, etwas zu verpassen, wenn sie offline sind.

JOMO: Loslassen als Rebellion?

Die Gegenreaktion auf FOMO hört auf den Namen JOMO – „joy of missing out“ – also die Freude am Verpassen. Weniger Netz, mehr Leben, einfach mal Loslassen und Abstand von den Sozialen Medien gewinnen. Die Infografik aus der Stressstudie zeigt deutlich: Das JOMO-Bedürfnis ist deutlich stärker ausgeprägt als das FOMO-Gefühl, denn knapp die Hälfte aller Befragten versuchen bewusst, in der Freizeit möglichst viel offline zu sein.

Vom JOMO-Prinzip ist der Weg nicht weit zu dem Phänomen, das einem unter dem Claim Digital Detox – also dem Entzug vom Web und seinen digitalen Gefährten – seit geraumer Zeit immer öfter begegnet. Seminare und Camps bieten die digitale Entschlackungskur für ausgepowerte Menschen und gestresste Teams an. Großkonzerne wie BMW achten darauf, dass ihre Mitarbeiter am Wochenende dienstlich nicht erreichbar sind. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis bewusstes Offline-Sein den Weg ins betriebliche Gesundheitsmanagement findet. Eine spannende Frage hierbei: Kann der Arbeitgeber durch verordneten Medienentzug die Freude am Verpassen bei seinen Mitarbeitern herauskitzeln? Und: ist das überhaupt die Aufgabe eines Arbeitgebers? Möglicherweise schon, denn digitale Medien dominieren unsere Arbeitswelt: Ein Arbeitsplatz heutzutage gleichbedeutend mit einem Computerarbeitsplatz, die Grenzen zwischen Beruf und Freizeit verschwimmen Zusehens. Vor diesem Hintergrund ist es wichtig und richtig, dass der Arbeitgeber in die Diskussion mit einbezogen wird.

Ob nun JOMO oder Digital Detox als Antworten auf FOMO und Always on – hinter den Modewörtern verbirgt sich nicht zuletzt ein selbstkritischer Umgang mit dem eigenen Medienkonsum. Laut Stressstudie treffen sich 90 Prozent der Befragten lieber analog als virtuell mit Freunden. Diese Zahl beweist: Die Welt dreht sich auch offline weiter.


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