Denise Jacoby

„Meine Worte hüpfen manchmal“

Der 6-jährige Henri stottert. Im „Frankini“-Programm der Kasseler Stottertherapie lernt er nun, flüssiger zu sprechen. Wir erklären, wie das funktioniert – und was es mit Hüpf-, Klemm- und Schlangenwörtern auf sich hat.

„Ba-ba-ba-nane“ – so klingt bei Henri beispielsweise ein Hüpfwort. Ihn können aber auch Klemmwörter nerven, die einen sogenannter Explosivlaut wie „K“ oder „P“ enthalten und ihm buchstäblich im Hals steckenbleiben. Zudem machen dem Erstklässler die Schlangenwörter, bei denen er einen Laut stark dehnt („Aaaaapfel“), zu schaffen.

Hüpfwort, Klemmwort, Schlangenwort – das sind Begriffe, die in der Stottertherapie verwendet werden. So haben die Kleinen eine kindgerechte Möglichkeit, über ihr Stottern zu sprechen, das sie in der Frankini-Therapie gemeinsam mit ihren Eltern angehen. Zwischen dem zweiten und vierten Lebensjahr, in dem die Sprachentwicklung rasante Fortschritte macht, plappern Kinder meist einfach drauflos und verhaspeln sich dabei auch häufig. Während man früher annahm, dass solche Sprechunflüssigkeiten in der Regel von ganz alleine wieder verschwinden, unterscheidet man heute auch schon bei sehr kleinen Kindern, ob es sich um normale, nicht behandlungsbedürftige Unflüssigkeiten handelt – oder ob das Kind stottert. Von letzterem ist etwa jedes 20. Schulkind – wie Henri – betroffen.

Der kleine Henri am Computer - mit Frankini lernen Kinder spielerisch, an ihrer Sprachstörung zu arbeiten.

Wie ein rosa Elefant

Auf Anraten der Kinderärztin, bei der Henris Eltern die auffallenden Silben- und Wortwiederholungen des damals Dreijährigen ansprachen, übergingen sie anfangs das Stottern des Kindes. „Mit dem Effekt, dass Henri zwar bemerkte, dass etwas nicht in Ordnung war, sich aber nicht ausdrücken konnte und mit großem Frust reagiert hat“, erzählt Melanie Heuser, Henris Mutter.

„Seit Henri aber seinen ersten ‚Frankini‘-Kurs absolviert hat und benennen kann, was bei seinem Sprechen nicht stimmt, geht alles viel leichter“, so Heuser, die mit ihrer Familie in Calden bei Kassel lebt. Die Frankini-Therapie startet mit einem Workshop für Eltern. Dort lernte sie, wie wichtig es ist, über die Sprechstörung ihres Kindes nicht hinwegzugehen: „Ein aufgeschlagenes Knie würden wir ja auch nicht ignorieren. Wenn das Stottern ein Tabu-Thema ist, macht das alles nur noch schwieriger. Jedes Kind spürt doch, dass keiner über sein Problem spricht, das Thema aber gleichzeitig wie ein rosa Elefant mitten im Raum steht.“

Eltern sind wichtige Vorbilder beim Sprechen

Zudem lernte Melanie Heuser, woher das Stottern kommt (es kann vererbt werden und hat eine neurologische Komponente), wie wichtig die Eltern als Sprechvorbild sind und wie bedeutsam es ist, dass das Kind seine Sprechfreude bewahrt. „Nur so kann es Sprechängste abbauen. Es ist für ein Kind sehr belastend, wenn es plötzlich dem eigenen Sprechen nicht mehr vertrauen kann. Oft wird es dann immer stiller. Aber auch die Eltern leiden, insbesondere, wenn ein Elternteil selbst stottert und unter allen Umständen vermeiden möchte, dass das Kind negative Erfahrungen machen muss“, sagt Katja Hente, Logopädin der Kasseler Stottertherapie.

Es ist für ein Kind sehr belastend, wenn es plötzlich dem eigenen Sprechen nicht mehr vertrauen kann.

Insbesondere lernen die Eltern in ihrem Workshop auch die „weiche“ Sprechweise, die die Kasseler Stottertherapie einsetzt. Mit Hilfe dieser Sprechtechnik lernen die Kinder flüssiger zu sprechen, indem sie Wortanfänge dehnen, ihre Stimme dabei weich einsetzen und Laute glatt ineinander übergehen lassen.

Am Computer trainieren Kinder die neue „weiche“ Sprechweise

Gebannt hörte Henri in der Vorstellungsrunde seines ersten Frankini-Kurses, dass die anderen Kinder ebenfalls stottern. Besonders spannend ist es für alle Kinder, dass sie auch am Computer die neue weiche Sprechweise spielerisch trainieren können. „Wieder zu Hause ist es wichtig, dass die Eltern gemeinsam mit ihren Kindern das weiche Sprechen in den Alltag integrieren, beispielsweise mit regelmäßigem Üben am PC oder kleinen ‚Weichsprechrunden'“, sagt Logopädin Katja Hente.

So soll im Rahmen der insgesamt einjährigen Frankini-Therapie erreicht werden, dass die Kinder selbstbewusst mit dem Stottern umgehen können, mit der erlernten Sprechtechnik die Kontrolle über das eigene Sprechen gewinnen und flüssiger sprechen. Henris Mutter ist von dem Konzept überzeugt: „Zu Hause ‚baden‘ wir geradezu im Weichsprechen, und oft antwortet Henri ebenfalls schon ‚weich‘. Als er kürzlich beim Sprechen steckenblieb, sagte er nur kurz: ‚Guck mal, das war ein Hüpfwort‘, und hat dann einfach weitergeredet.“

Weitere Infos

Der speziell für die Altersgruppe der Drei- bis Sechsjährigen entwickelte Therapieansatz „Frankini“ der Kasseler Stottertherapie setzt sich zusammen aus Online- Elternschulungen und Präsenztherapie für Kinder mit einem Elternteil vor Ort. Es ist statistisch belegt, dass durch eine zielgerichtete Therapie die Remissionsrate, d.h. die Wahrscheinlichkeit, dass das Stottern ausheilt, um das Achtfache erhöht wird. Hier geht es zur Webseite der Kasseler Stottertherapie

 


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1 Kommentar

  • Jörn Simon

    Sehr schöner Bericht, der einmal wunderbar zeigt, wie gute Therapieangebote den Betroffenen echte Hilfe bringen!


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