Laura Hassinger

Digitale Pflege – wo stehen wir?

„So viel Digitalisierung im Gesundheitswesen war noch nie!“ Mit diesen Worten eröffnete Rebecca Beerheide vom Deutschen Ärzteblatt die Diskussion auf dem Pflegetag. Zum ersten Mal fand dieser komplett online statt. Und auch auf der Agenda standen digitale Themen ganz oben.

Digitale-Versorgung-Gesetz, Patientendaten-Schutz-Gesetz. Vor allem bei Ärzten und Kliniken wurde 2020 fleißig digitalisiert – doch wo bleibt die Pflege bei alledem? Eine spannende Frage für Anett Hüssen, Jan Brönneke, Thomas Ballast, Nicole Westig und Tino Sorge. Beim Deutschen Pflegetag diskutierten sie, was Kostenträger und Politik jetzt tun müssen, um die Pflege mit digitalen Mitteln zu entlasten.

Thomas Ballast auf dem Deutschen Pflegetag 2020
Thomas Ballast auf dem Deutschen Pflegetag 2020

Informieren, unterstützen, vernetzen

Den Auftakt machte Thomas Ballast, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der TK. Er präsentierte drei Stellschrauben der Pflegekassen, um Pflege digitaler zu gestalten. Erstens: Transparenz. Die Pflegekasse könne und müsse hierzu einen Beitrag leisten, indem sie ihren Versicherten entsprechende Informations- und Beratungsangebote bereitstellt. Am besten online, damit die Betroffenen jederzeit und überall darauf zugreifen können. Wie zum Beispiel mit der App TK-PflegeKompakt. Entscheidend sei dabei laut Ballast, dass die Angebote aus der Nutzerperspektive entwickelt werden. Nur so könnten echte Bedarfe erkannt und gedeckt werden.

Darüber hinaus benötigen Pflegende auch konkrete digitale Unterstützung. Nicht erst seit der Corona-Pandemie werden Kurse gerne online absolviert, wie der TK-PflegeCoach zeigt. Und schließlich sei es auch Aufgabe der Pflegekassen, die Versorgung noch stärker zu vernetzen, so Ballast, ob durch telemedizinische Angebote oder kooperative Betreuungsnetzwerke wie das NWGA in Hamburg.

Digitalisierung ist kein Selbstzweck

Für Jan Brönneke und seine Kollegen vom health innovation hub (hih) steht an erster Stelle, dass Digitalisierung kein Selbstzweck ist. Dass viele Pflegende die Potenziale digitaler Angebote noch nicht erkannt haben, ist laut Brönneke allerdings nur ein Grund, weshalb sie nicht flächendeckend genutzt werden. Hinzu kämen technische Silos, Sektorengrenzen und fehlende Strukturen. Modellprojekte seien prinzipiell ein guter Ansatz, aber eben oft regional verortet und kassengebunden. Brönneke sieht den Gesetzgeber in der Pflicht, entsprechende Änderungen im SGB XI vorzunehmen, die den Einsatz digitaler Pflegelösungen ankurbeln. Denn:

Digitale Produkte können keine Stützstrümpfe anziehen. Aber sie können eine wahnsinnige Unterstützung für Pflegebedürftige sein und pflegenden Angehörigen bei der Organisation helfen.

Echte Hilfe im Pflegealltag

Für den „Realitäts-Check“ sorgte Anett Hüssen, Geschäftsführerin der Hauskrankenpflege Dietmar Depner. Mit ihrem über 200-köpfigen Team lebt sie schon heute den digitalen Pflegealltag. Von der Dienst- und Tourenplanung über die interne Kommunikation bis hin zur Pflegedokumentation läuft bei Hüssen (fast) alles digital. Ihr Ansatz: „Wir digitalisieren, weil das effizient ist. In der Pflege gibt es Informationen, die am besten zeitgleich bei mehreren Menschen vorliegen. Sie müssen transparent und klar dokumentiert sein, falls mal jemand ausfällt.“  Das entlastet ihre Pflegekräfte spürbar und wird gerne angenommen.

Pflege ist der Politik voraus

Sichtlich beindruckt von diesem Bericht aus der Praxis zeigte sich Nicole Westig. Die gesundheitspolitische Sprecherin der FDP räumte ein: „Ich glaube, die Menschen in der Pflege sind generell schon weiter als die Politik. Jetzt müssen wir nachziehen.“ Statt vieler kleiner Einzellösungen fordert sie eine nationale Strategie für die Pflege in Deutschland.

Dabei dürfe auch nicht außer Acht gelassen werden, dass der Großteil der Pflegebedürftigen zuhause und von Angehörigen versorgt wird. Hier sei es wichtig, das „digitale Potenzial“ zu nutzen, um die Selbstständigkeit in den eigenen vier Wänden zu ermöglichen. Dafür müsse der Leistungskatalog der Pflegeversicherungen entsprechend erweitert werden, so Westig.

Datenschutz verlangsamt Fortschritt

Auch Tino Sorge, gesundheitspolitischer Sprecher der CDU, ärgerte sich, dass die Politik noch nicht so weit ist, wie sie sein könnte. Oft würden Datenschutzbedenken notwendige und sinnvolle Lösungen verbauen. Er plädierte dafür, pragmatisch zwischen Sicherheit und Nutzen abzuwägen, um gute Angebote schnell in die Regelversorgung zu überführen. Aufgabe der Politik sei es, Standards zu definieren, aber innerhalb derer das System für Innovationen zu öffnen.

Wichtig ist Sorge zudem, die Pflege noch stärker mitzudenken bei neuen Strukturen, etwa der elektronischen Patientenakte. Und Westig ergänzte, dass die Politik nicht nur Rahmen und Prozesse für eine digitale Pflege schaffen müsse, sondern auch die Digitalkompetenzen der Nutzer fördern sollte. Nur so ließe sich „eine Brücke bauen zwischen der digitalen und der analogen Welt.“

Mit Abstand am besten: Thomas Ballast, Jan Brönneke, Rebecca Beerheide, Anett Hüssen (v.l.n.r.). Digital zugeschaltet waren Nicole Westig und Tino Sorge.

Kommentieren Sie diesen Artikel

Lädt. Bitte warten...

Der Kommentar konnte nicht gespeichert werden. Bitte überprüfen Sie Ihre Eingaben.

3 Kommentare

  • Manfred Schlichting

    Seit 30.09. sind die Pflegeberatungsgespräche wieder verpflichtend. Da muss in Coronazeiten bei dringenden Appelen der Politik bezüglich Kontaktbeschränkung noch immer jemand ins Haus kommen. Trotz Skype und digitaler Therapiemöglichkeiten.
    Das ist ziemlich armselig.

  • Manfred Schlichting

    Seit 30.09. sind die Pflegeberatungsgespräche wieder verpflichtend – trotz Coronazeiten und Kontaktbeschränkungen. Ist das trotz Skype und digitaler Therapiemöglichkeiten noch durch Hausbesuche nötig?

    • Redaktion

      Hallo Herr Schlichting,

      der Gesetzgeber hat das Aussetzen der Beratungseinsätze nicht verlängert. Das Bundesministerium für Gesundheit betont damit die Wichtigkeit des Beratungseinsatzes sowohl für die Pflegebedürftigen als auch für die Pflegenden bei häuslicher Pflege. Sollte das BMG für Beratungseinsätze die Möglichkeit einer digitalen Umsetzung schaffen, wird die TK dies natürlich unterstützen.

      Viele Grüße, die WirTechniker-Redaktion


Lesen Sie hier weiter

Johanna Küther Johanna Küther
Inga Schmidt und Eltern Fiona Theege Fiona Theege
Georg van Elst Georg van Elst