Denise Jacoby

Video-Sprechstunde: „Online-Psychotherapie ist in anderen Ländern längst eine Selbstverständlichkeit.“

Aus Sorge vor einer Corona-Infektion gehen viele Patientinnen und Patienten in der Pandemie seltener zum Arzt oder Therapeuten. Viele setzen daher auf die Video-Sprechstunde.

Wir lassen in einer Interviewreihe medizinische Berufsgruppen zu ihren Erfahrungen mit der Digitalisierung im Gesundheitswesen zu Wort kommen. Heute: der Frankfurter Psychotherapeut Dr. Serkan Het zur Online-Sprechstunde.

Seit wann bieten Sie eine Video-Sprechstunde an und wie wird diese aktuell genutzt?

Erstmals habe ich 2019 die Video-Sprechstunde genutzt. Damals schätzte ich das Potenzial dieser Kommunikationsmöglichkeit in der Psychotherapie als gering ein. Wenige Monate später, mit dem Beginn der Pandemie, wurde sie mein Standardkommunikationsmittel. Meine angestellten Psychotherapeutinnen und ich sind aus Sicherheitsgründen bei 80 Prozent unserer Termine auf dieses Medium umgestiegen, zum Schutz aller. Persönliche Gespräche in der Praxis sind Ausnahmen, beispielweise wenn die entsprechenden Personen nicht über Rückzugsmöglichkeiten verfügen, wenn die Internetverbindung oder technische Ausstattung nicht ausreichend ist oder sie mit der Technik selbst überfordert sind. Auch in einer Krisensituation oder wenn ein starkes (wahnhaftes) Misstrauen gegenüber dem Internet besteht, nutzen wir das persönliche Gespräch.

Dr. Serkan Het möchte auch über die Pandemie hinaus seinen Patientinnen und Patienten das Angebot einer Video-Sprechstunde machen.

Gerade in der Psychotherapie galt der persönliche Patientenkontakt lange als unersetzbar. Wie leicht fällt es Ihren Patientinnen und Patienten, sich auf die Onlinetherapie einzulassen?

Ich erlebe den Großteil meiner Patientinnen und Patienten als verständnisvoll, dankbar und offen gegenüber dieser Methode. Bedenken wegen der Datensicherheit habe ich kaum vernommen. Es hilft sehr, wenn das Prozedere der virtuellen Begegnung vorab gemeinsam in der Praxis geübt wird. Das vermittelt Sicherheit und baut Hürden ab. Zudem begrüßen viele Patientinnen und Patienten auch die Flexibilität der Videosprechstunde, da sie theoretisch von überall mit mir kommunizieren können und somit nicht Gefahr laufen, ihren Termin zu verpassen oder zu spät zu erscheinen.

Was sind die Vor- und Nachteile der Video-Sprechstunde?

Derzeit ist der Beziehungsaufbau online leichter als in der Präsenzbehandlung mit medizinischer Maske, die emotionale Spontanreaktionen im Gesicht verdeckt. So lassen sich weite Teile der Behandlung sowie der Therapieabschluss durchführen.

Online gehen aber auch Informationen verloren, wie zum Beispiel der Geruch eines Patienten, der auf Stress oder Vernachlässigung hinweisen kann. Auch können nervöses Zittern der Arme, Hände und Beine, Selbstverletzungen, Gewichtsverlust oder Übergewicht online versteckt werden. Derartige nonverbale Informationen sind diagnostisch relevant und können in der persönlichen Behandlung angesprochen werden.

Andererseits kann der Therapeut Einblicke erhalten, die ihm in der Präsenzbehandlung verwehrt bleiben. Das können (un)hygienische und (un)ordentliche Lebensumstände, Lärm, mangelnde Rückzugsmöglichkeiten, außergewöhnliche Hobbies und Sammelleidenschaften, Sportgeräte oder übertriebene Tierliebe sein. Die Onlinebehandlung kann somit Ressourcen oder unbeachtete Störungen der Patientinnen und Patienten verdeutlichen.

Einigen fällt es sogar leichter, entspannter und offener zu reden, weil sie sich in ihrem gewohnten Umfeld aufhalten. Andere wiederum sind in ihrem Umfeld gehemmter, beispielsweise bei Beziehungskonflikten. Sie antworten dann einsilbig. Eine meiner Patientinnen hat sich daher für die Therapiestunde auch schon mal vor ihrem Haus ins Auto gesetzt und währenddessen den vorbei gehenden Nachbarn freundlich zugewinkt.

Ich erlebe den Großteil meiner Patientinnen und Patienten als verständnisvoll, dankbar und offen gegenüber dieser Methode.

Werden Sie auch nach der Pandemie Video-Sprechstunden anbieten?

Überwiegend ist das Feedback positiv, sofern es keine technischen Aussetzer gibt. Daher möchte ich das Angebot gerne fortführen. Das psychotherapeutische Versorgungssystem und die Flexibilität der Kontaktaufnahme werden dadurch gestärkt und Hemmschwellen abgebaut. Außerdem können Ausfälle verhindert und die Kontinuität der Behandlung verbessert werden.

Mit Beginn der Pandemie wurde die Regelung ausgesetzt, dass Psychotherapeutinnen und -therapeuten nur maximal 20 Prozent ihrer Behandlungen per Video-Sprechstunde anbieten dürfen. Da die bisherige Regelung nicht am Bedarf orientiert war, soll bald eine neue gesetzliche Regelung vorgenommen werden, die den Anteil der Videobehandlungen auf 30 Prozent erhöht. Es ist für mich nach wie vor nicht verständlich und bei Patienten nicht darstellbar, wieso der Gesetzgeber den Anteil der Videobehandlungen prozentual überhaupt einschränkt. Ein richtiger Schritt wäre aus meiner Sicht, dass prozentuale Einschränkungen aufgehoben und das Gesetz gruppentherapeutische Videobehandlungen und die Akutbehandlungen per Video ermöglicht.

Mir ist nicht verständlich, wieso vor der Pandemie bestimmte Angebote wie etwa die Akutbehandlung von einer Videobehandlung ausgeschlossen waren. In anderen Ländern der Welt (bspw. Australien, USA, Skandinavien) ist diese Behandlungsform längst eine Selbstverständlichkeit. In Deutschland haben viele durch die Pandemie ihre Hemmungen gegenüber Videosprechstunden abgebaut. Daher wünsche ich mir, dass sich die Videobehandlung in der Psychotherapie auch nach dem Ende der Pandemie als feste Größe etabliert.


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