Laura Hassinger

Orientierungs-Bingo im Pflegeheim

Das Projekt PROfit will Pflegeheim-Bewohnenden helfen, körperlich und geistig mobil zu bleiben. Unsere Kollegin Laura Hassinger hat eine der teilnehmenden Einrichtungen besucht und berichtet von ihren Eindrücken. 

Montagmorgen in Berlin-Neukölln. Im Mehrzweckraum des Seniorenheims „Haus Rixdorf“ füllt sich der Stuhlkreis mit elf mehr oder weniger mobilen Bewohnerinnen und Bewohnern. Einige von ihnen tragen Sportschuhe, auf den Plätzen liegen bunte Igelbälle und Thera-Bänder für sie bereit. Der Wochenplan vor der Tür verrät, dass hier regelmäßig Gymnastik, Musizieren oder Sturzprävention auf dem Programm stehen – und ein Kurs namens „PROfit“. 

PROfit steht für Prävention, Orientierung und Training

„Viele Pflegeheimbewohnende sind körperlich wenig aktiv. Verbringen sie ihren Alltag größtenteils im eigenen Zimmer und bewegen sich höchstens zur Cafeteria, verschlechtert das ihre Gesundheit und Lebensqualität“, berichtet Madeleine Fricke von der Technischen Universität Berlin, mit der wir hier verabredet sind. „Um dem vorzubeugen, haben die TU Berlin und die Universitäten Duisburg-Essen und Heidelberg zusammen mit der Techniker Krankenkasse das Projekt PROfit ins Leben gerufen.“ In und mit derzeit 18 stationären Pflegeeinrichtungen werden Trainingspläne umgesetzt und evaluiert, um die Seniorinnen und Senioren zu mobilisieren und ihre räumliche Orientierung zu verbessern. 

Für unseren Besuch gibt es eine Extrastunde PROfit, bei der wir zuschauen und mitmachen dürfen. Sportwissenschaftler und Übungsleiter Thomas begrüßt die Runde herzlich. Los geht es mit kleinen Bewegungen zum Aufwärmen. Die Teilnehmenden tippeln mit den Füßen auf der Stelle und klopfen dabei mit den Händen locker auf ihre Oberschenkel. Dann nehmen alle ihre Thera-Bänder zur Hand. Thomas fädelt die bunten Gummibänder durch einen Gymnastikring in der Mitte des Sitzkreises und reicht den Teilnehmenden ihre Enden. Jetzt heißt es: Gut festhalten! Wenn alle gleichzeitig ziehen, können sie den Ring gemeinsam zum Schweben bringen. 

Was anfangs wie ein Armtraining wirkt, entpuppt sich schnell als Denksport

Es gilt, den Ring in die Richtung bestimmter Orientierungspunkte im Haus zu bewegen. Wo befindet sich der nächstgelegene Fahrstuhl? Die Teilnehmenden beratschlagen kurz, dann zieht eine Hälfte von ihnen vorsichtig an den Bändern, ihre Gegenüber wiederum lockern den Griff. Der Ring wandert nach links. Und wo geht es zur Küche? Sie ziehen den Ring in die entgegengesetzte Richtung. Nun wird es schwieriger. In welcher Etage liegt das stillgelegte Schwimmbad? Schmunzeln bei denen, die schon länger hier wohnen. Mit den Bändern in der Hand heißt es, vorsichtig bücken. Der Ring wandert tiefer, denn das alte Schwimmbad befindet sich im Keller des Gebäudes. 

Im nächsten Trainingselement soll das theoretische Wissen praktisch angewendet werden. Die Teilnehmenden müssen sich bei einem Rundgang durch Haus und Garten zurechtfinden. Über den Hinterhof und die Cafeteria wollen wir auf die große Terrasse gehen. Zwei Damen sind noch recht flott zu Fuß und kennen den Weg, sie schnappen sich eine Mitbewohnerin im Rollstuhl, die anderen folgen mit ihren Rollatoren. Unterwegs baut Thomas immer mal wieder kleine Bewegungsübungen ein – und viele Verschnaufpausen. 

Die therapeutischen Mitarbeiterinnen Doreen und Katharina begleiten die Gruppe. Katharina berichtet, dass es manchmal knifflig ist, neue Kurse wie diesen in den Pflegealltag einzubauen. Die wenigen Gruppenräume sind zudem heiß begehrt. Da trifft es sich gut, dass PROfit von Ortswechseln lebt und auch Flure, Gartenwege und eben Sitzecken in den Kurs eingebunden werden können. 

Neue Wege bringen neue Kontakte

Ich merke schnell, dass neben der Aktivierung und Abwechslung im Wochenalltag vor allem der soziale Aspekt eine wichtige Rolle spielt. Hier treffen sich Leute aus verschiedenen Wohnbereichen, die sonst eher selten zusammenkommen. Das Programm macht ihnen Mut, sich auch eigenständig in andere Bereiche des Hauses zu begeben, um beispielsweise Bekannte auf anderen Etagen zu besuchen oder sich selbst etwas aus der Cafeteria zu holen. 

Um den Orientierungssinn weiter zu schärfen, stoppen wir unseren Rundgang für eine Partie Grundrissbingo. Thomas hält eine Karte hoch. Schnell erkennen die Ersten: Das ist ein Plan vom „Haus Rixdorf“. Aber was befindet sich wo? Der Multifunktionsraum ist schnell gefunden, bei der Zahnarztpraxis dauert es etwas länger. Aber beim Frisör macht niemand den Bewohnenden etwas vor. BINGO!  



Lesen Sie hier weiter

Kerstin Grießmeier Kerstin Grießmeier
Laura Hassinger Laura Hassinger
Thomas Ballast Thomas Ballast

Kommentieren Sie diesen Artikel

Lädt. Bitte warten...

Der Kommentar konnte nicht gespeichert werden. Bitte überprüfen Sie Ihre Eingaben.