Dr. Jens Baas

Digital vor ambulant vor stationär: Primärversorgung neu denken

Unser Gesundheitssystem bietet viele Zugangsmöglichkeiten – doch genau diese Komplexität führt aufgrund von Wartezeiten und ineffizienten Abläufen zu Frust. Ein kluges Primärversorgungssystem kann Patientinnen und Patienten gezielt auf den richtigen Weg bringen, dadurch die Versorgung verbessern und für mehr Effizienz sorgen, sagt Dr. Jens Baas, Vorstandsvorsitzender der TK.

Hausarztpraxis, Facharztpraxis, Notaufnahme, Videosprechstunde, Telefonberatung: Unser Gesundheitssystem bietet Patientinnen und Patienten theoretisch sehr viele ‚Türen‘ für gesundheitliche Hilfe. Doch es fehlt die Orientierung, welche davon die jeweils richtige ist.

Die Folgen dieses unstrukturierten Systems sind für alle spürbar: Patientinnen und Patienten telefonieren Arztpraxen ab und klicken sich durch diverse Terminplattformen. Lange Wartezeiten auf Facharzttermine sind keine Seltenheit. Ärztinnen und Ärzte klagen über eine hohe Arbeitslast. Und das Gesundheitswesen wird dadurch ineffizienter und teurer, ohne automatisch bessere Qualität zu bieten.

Mehr Orientierung und Effizienz durch kluge Primärversorgung

Ich bin überzeugt: Ein Primärversorgungssystem, das digital organisiert ist und die Fähigkeiten unterschiedlicher Gesundheitsberufe einbezieht, kann die ambulante Versorgung wesentlich verbessern. Es muss Patientinnen und Patienten leichter gemacht werden, die passende Versorgung zu erreichen – Stichwort ‚Patientensteuerung‘. Vorhandene Ressourcen, also die Zeit von Ärztinnen, Ärzten, des medizinischen Fachpersonals und digitale Behandlungsmöglichkeiten, müssen dort eingesetzt werden, wo sie den größten Nutzen stiften, anstatt in unkoordinierten Strukturen verloren zu gehen. Das entlastet Arztpraxen und macht das Gesundheitssystem insgesamt effizienter.

Wir brauchen eine verlässliche erste Anlaufstelle, genauer gesagt: eine digital gestützte medizinische Ersteinschätzung.

Dr. Jens Baas

Von Anfang an (digital) lotsen

Aber der Reihe nach gedacht: Patientensteuerung muss direkt bei den Menschen ansetzen, die ein gesundheitliches Problem haben und Hilfe suchen. Wir brauchen eine verlässliche erste Anlaufstelle, genauer gesagt: eine digital gestützte medizinische Ersteinschätzung. Auf Basis fester medizinischer Kriterien leitet sie die Hilfesuchenden auf den passenden Behandlungspfad: Reicht erstmal Bettruhe oder eine Beratung durch qualifiziertes Fachpersonal? Ist eine ärztliche Behandlung notwendig? Und falls ja: Welche Fachrichtung ist dafür am besten geeignet? Kann der Termin auch digital laufen?

Wichtig für einen fairen Zugang ins System ist, dass die Ergebnisse reproduzierbar sind. Das heißt: Bei gleichen Symptomen folgt die gleiche Behandlungsempfehlung, ganz egal, wo die Hilfesuchenden die Ersteinschätzung durchlaufen. Außerdem muss die Einschätzung in verschiedenen Settings möglich sein, zum Beispiel per Telefon, vor Ort in der Praxis oder auch per Krankenkassen-App.

Digitalisierung muss selbstverständlich sein

Ein neues Primärversorgungssystem bietet die Chance, dass digitale Versorgung und digitale Prozesse in der ambulanten Versorgung endlich zur Selbstverständlichkeit werden. Dafür gibt es verschiedene Ansatzpunkte. Nicht immer ist etwa ein Arzttermin vor Ort nötig. Einige Anliegen lassen sich schneller und bequemer per Video regeln. Das spart Anfahrtswege und Wartezeiten vor Ort. Daher sollten telemedizinische Chats oder Videosprechstunden zu den möglichen Empfehlungen der Ersteinschätzung gehören.

Wenn relevante Informationen an einem Ort zusammenlaufen, können Behandlungen besser abgestimmt und unnötige Doppeluntersuchungen vermieden werden. Deshalb braucht eine kluge Primärversorgung auch den vollständigen Blick auf die Patientengeschichte. Das Ersteinschätzungstool sollte daher auch bestimmte Daten aus der ePA nutzen können, damit Hilfesuchenden die Eingabe ihrer Daten erleichtert wird.

Versorgung sinnvoll auf mehreren Schultern verteilen

Gute Versorgung ist Teamarbeit. Wenn Ärztinnen und Ärzte mit weiteren Berufsgruppen, ob Physician Assistants oder Community Health Nurses, strukturiert zusammenarbeiten, lässt sich die Versorgung so organisieren, dass sie den Bedürfnissen der Patientinnen und Patienten und den begrenzten personellen Ressourcen gerecht wird. Ein mögliches Ergebnis der Ersteinschätzung sollte daher auch sein, dass qualifiziertes, nicht-ärztliches Fachpersonal in klar definierten Fällen die Betreuung übernimmt.

Problem und Lösung erkannt – jetzt muss gehandelt werden

Das Thema Primärversorgung ist ein zentrales Handlungsfeld der Gesundheitspolitik: Es gibt viele Ideen, wie genau ein zukunftsfähiges ambulantes Versorgungssystem gestaltet werden sollte. Die Regierung hat jetzt die Chance, den Zugang zum System fair, effizient und patientenorientiert zu gestalten.



Lesen Sie hier weiter

Bundestag Dr. Jens Baas Dr. Jens Baas
Eric Lindemann, Community Health Nurse Autorenprofil Natalie Hahn Natalie Hahn
Praxis Anne Kraemer Anne Kraemer

Kommentieren Sie diesen Artikel

Lädt. Bitte warten...

Der Kommentar konnte nicht gespeichert werden. Bitte überprüfen Sie Ihre Eingaben.