Rebecca Vaneeva

Behandlungsfehler: „Wir brauchen eine bessere Fehlerkultur für mehr Sicherheit”

7.540 Verdachtsfälle auf Behandlungsfehler: Nie hat die TK in einem Jahr mehr Meldungen erhalten. Jeder einzelne Behandlungsfehler kann für Patientinnen und Patienten weitreichende Folgen haben. Jonas Petersen, TK-Experte für Behandlungsfehler, erklärt die Problematik und die Maßnahmen der TK.

Ein falsch verabreichtes Medikament, ein nicht erkannter Schlaganfall oder im Bauchraum vergessene OP-Instrumente: Die Bandbreite bei Behandlungsfehlern ist groß – genau wie die Dunkelziffer, denn viele Fehler werden nie entdeckt. Patientinnen und Patienten können helfen, Risiken zu reduzieren, zentral ist eine offene Fehlerkultur.

Jonas Petersen, Experte für Behandlungsfehler bei der TK

Die aktuelle TK-Behandlungsfehlerstatistik zeigt mit 7.540 gemeldeten Verdachtsfällen einen neuen Rekord. Ist das Leben als Patientin oder Patient im deutschen Gesundheitswesen gefährlicher geworden?

Wir haben einen neuen Höchstwert. Aber die Zahlen muss man natürlich ins Verhältnis setzen. Wir hatten 2025 in Deutschland in allen Kassen insgesamt mehr als 17 Millionen stationäre Aufenthalte. Die Versorgung in Deutschland ist sicher und Behandlungsfehler sind die Ausnahme, aber sie kommen vor. Und für die Betroffenen sind das häufig drastische Schicksalsschläge.  Gleichzeitig wissen wir auch, dass die 7.540 Verdachtsfälle nur die Spitze des Eisberges sind. Schätzungen gehen davon aus, dass nur drei Prozent der vermeidbaren Schadensfälle gemeldet und statistisch erfasst werden.

Was sind die Ursachen?

Unsere Erfahrung aus über 25 Jahren Behandlungsfehlermanagement zeigt, dass oft Kommunikationsprobleme ein Grund für Behandlungsfehler sind. Und das ist auch nicht überraschend: Behandlungen sind oft komplex und haben zahlreiche Beteiligte. Eine weitere Ursache kann sein, wenn Symptome übersehen oder falsch interpretiert werden. Häufig gibt es nicht die eine Ursache, sondern oft ist es eine Verkettung von mehreren Fehlern.

Was ist ein Behandlungsfehler?

Laut dem Bundesministerium für Gesundheit liegt ein Behandlungsfehler dann vor, „wenn die Behandlung nicht dem allgemeinen anerkannten fachlichen Standard entspricht, der zu dem Zeitpunkt ihrer Durchführung besteht.“ Mehr zur Definition des BMG gibt es hier.

Welche Folgen kann ein Behandlungsfehler für die Betroffenen haben?

Die Bandbreite ist sehr groß. Es kann zu körperlichen Schäden wie einer Gehbehinderung oder Sehbehinderung kommen. Damit kann auch der Verlust des Arbeitsplatzes einhergehen. Im schlimmsten Fall kann es auch zu Todesfällen kommen. Aber auch die Verursacher – häufig Ärztinnen und Ärzte aber auch Pflegepersonal oder andere Mitarbeitende in Kliniken und Praxen – leiden häufig unter den Folgen und machen sich Vorwürfe. Deshalb ist es so wichtig, dass wir dem Thema mehr Aufmerksamkeit schenken und solche Fehler systematisch aufarbeiten.

Wo kann ich Hilfe bekommen, wenn ich als Patientin oder Patient einen Behandlungsfehler vermute?

Bei einem Verdacht sollte man sich so schnell wie möglich an die eigene Krankenkasse wenden. Bei der TK gibt es ein spezialisiertes Expertenteam, das sich um Behandlungsfehler kümmert, und Betroffene unterstützt. Dort erhalten sie eine Erstberatung und eine erste Einschätzung. Bei Anzeichen, die auf einen Behandlungsfehler hindeuten, können mithilfe der TK Behandlungsunterlagen eingeholt und ausgewertet werden. Auch sozialmedizinische Gutachten können mitunter erstellt werden. Die sind für die Versicherten kostenfrei und können für die eigene Klage mit verwendet werden.

Die TK hilft bei Verdacht auf einen Behandlungsfehler

Bei einem Verdacht auf Behandlungsfehler können sich TK-Versicherte an ein spezialisiertes Team aus Expertinnen und Experten wenden, die Betroffene beraten. Alle Informationen und Kontaktwege gibt es hier.

Wie kann ich mich als Patientin oder Patient proaktiv vor Behandlungsfehlern schützen?

Auch als Patientin oder Patient kann ich dazu beitragen, dass die Versorgung gut und sicher funktioniert. Wenn ich zum Beispiel merke, dass die Tablette eine andere Farbe hat oder die Mitarbeitenden mich dem falschen Namen ansprechen, sollte ich auf alle Fälle darauf aufmerksam machen. So sind Patientinnen und Patienten selbst auch eine Art Sicherheitsbarriere. Wenn ich den Verdacht habe, dass bei mir ein Behandlungsfehler passiert ist, sollte ich so schnell wie möglich ein Gedächtnisprotokoll anfertigen und mir Notizen zum Verlauf der Behandlung machen. Beweismittel wie schadhafte künstliche Gelenke sollte ich mir aushändigen lassen und mit nach Hause nehmen, weil sie oft in späteren Verfahren als Beweismittel sehr hilfreich sein können.

Was muss passieren, damit es in Zukunft weniger Behandlungsfehler gibt?

Das Wichtigste ist eine offene Fehlerkultur. Wir sollten mehr über Behandlungsfehler sprechen und nicht versuchen, sie zu bagatellisieren. Dazu gehört, dass wir die Fehlerquellen konsequent analysieren und für die Zukunft abstellen. Wo Menschen arbeiten, passieren Fehler.

Voraussetzung dafür ist erst einmal, dass ich mir einen Überblick über die Gesamtlage mache. Deshalb fordern wir schon seit vielen Jahren eine Meldepflicht über alle Einrichtungen hinweg. Derzeit werden Fehler nur erfasst, wenn Patientinnen und Patienten sie selbst melden. Dadurch bleiben viele Fehler unentdeckt. Selbst wenn diese Fälle gemeldet werden, werden sie in unterschiedlichen Datenbanken erfasst, so dass kein Abgleich und damit keine Gesamtübersicht möglich ist. Eine systematische Auswertung von Fehlerquellen und gezielte Verbesserungen sind dadurch bisher unmöglich. Es bleibt also noch viel zu tun.



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