Natalie Hahn

Ein Social-Media-Verbot allein schützt nicht

Australien hat eine Altersgrenze von 16 Jahren für Social Media eingeführt. Auch Deutschland diskutiert mögliche Maßnahmen. Im Interview erklärt Dr. Valentin Dander von der GMK, warum pauschale Verbote am Ziel vorbeigehen und die Verantwortung auch bei den Plattformen selbst liegt.

Die Debatte um den Jugendschutz in sozialen Netzwerken wird oft emotional und zwischen zwei Extremen geführt: totaler Verzicht oder unregulierte Freiheit. Während die Politik derzeit Altersgrenzen in den Blick nimmt, warnt die Forschung vor pauschalen Maßnahmen. Dr. Valentin Dander, erziehungswissenschaftlicher Medienforscher, plädiert stattdessen für eine ganzheitliche Strategie aus Jugendschutz, gesellschaftlicher Teilhabe und digitaler Befähigung.

Ein Großteil der Jugendlichen hat im Social-Media-Report angegeben, dass ihnen Social Media guttut. Welche positiven Effekte können Soziale Medien denn auf Jugendliche haben?

Social-Media-Plattformen sind wichtige kulturelle Räume im Alltag: Sie ermöglichen jungen Menschen Handlungsweisen und Spielräume zu erproben, mit Identitätsaspekten zu experimentieren, sich zu vernetzen, zu informieren, zu unterhalten. Jugendliche sind jedoch keine homogene Gruppe. Besonders für Personen aus minorisierten oder marginalisierten Gruppen, etwa in Bezug auf Gender-Identität, sexuelle Orientierung oder Neurodiversität, bieten digitale Räume große Chancen. Sie finden dort leichter Gleichgesinnte oder nischige Inhalte. Zudem spielt die Anonymität im Netz eine essenzielle Rolle, da sie Schutz vor Diskriminierung und Übergriffen bieten kann.

Dr. Valentin Dander, erziehungswissenschaftlicher Medienforscher

Andererseits wird der Einfluss von Social Media auch kontrovers diskutiert. Um welche Aspekte geht es da?

Junge wie erwachsene Menschen stören sehr ähnliche Dinge an Social Media: das profitorientierte Design der Plattformen, Werbung, unerwünschte oder unseriöse Inhalte, digitale Gewalt und die Schwierigkeit, ihre Nutzungszeit zu begrenzen.
Diese genannten Aspekte hängen häufig mit manipulativen Designentscheidungen der Plattformen zusammen. Beispielsweise führen deren Profitinteressen dazu, dass die Nutzungszeit maximiert werden soll. Deshalb setzen viele Anbieter auf emotionalisierende und fragwürdige Inhalte.

Doch Social Media sind nicht gleich Social Media: Nicht alle Angebote sind profitgetrieben designt, schlecht oder zu wenig moderiert und desinteressiert am Wohlbefinden ihrer Nutzenden. Nicht-kommerzielle, dezentrale Dienste oder medienpädagogisch begleitete Foren und Communities – wie das Jugend-Onlinemagazin “LizzyNet” für Mädchen und junge Frauen – sind wichtige Gegenbeispiele. Solche öffentlichen Räume sind auch wichtig für die Demokratie.

Zur Person

Dr. Valentin Dander betreibt seit mehr als zehn Jahren erziehungswissenschaftliche Medienforschung. Von 2019 bis 2024 war er Professor für Medienbildung und pädagogische Medienarbeit an der Hochschule Clara Hoffbauer Potsdam. Die GMK (Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur) und die medienpädagogische Fachcommunity vertritt er bei „toneshift – Netzwerk gegen Hass im Netz und Desinformation“ als Projektleiter mit seiner Expertise zu (politischer) Medienbildung an der Schnittstelle von Praxis und Forschung.

Australien hat eine Altersgrenze von 16 Jahren für Social Media eingeführt. Auch in Deutschland werden mögliche Maßnahmen diskutiert. Wie steht die GMK zu einem Verbot von Social Media für Kinder und Jugendliche?

In der Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur (GMK) vertreten wir die Ansicht, dass Verbote beziehungsweise Altersverifikationen keine Lösung für die Probleme sind – schon gar nicht als alleinige Maßnahme. Wo ähnliche Maßnahmen bereits umgesetzt wurden, wie in Australien, sehen wir anhand erster Studienergebnisse, dass Einschränkungen häufig von den Betroffenen umgangen werden. Stattdessen verlagern Verbote die Nutzung auf weniger regulierte Angebote.

Vielmehr erschweren Verbote den vertrauensvollen Austausch von Kindern und Jugendlichen mit Bezugspersonen im Zuhause, in der Schule und in pädagogischen Einrichtungen. Ebenso ist fraglich, ob diese scheinbare Lösung einen zu hohen datenschutzrechtlichen Preis abverlangt, um ein altersbegrenztes Verbot umzusetzen. Darüber hinaus wurden in der politischen Debatte die Ansichten betroffener, junger Menschen zu wenig einbezogen.

Der Bericht der Expert:innenkommission „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“ vom Juni 2026 wird oft verkürzt diskutiert. Die Kommission rät von pauschalen Verboten ab, weil diese sehr unterschiedliche Angebote gleichbehandeln und die Teilhabe behindern. Nicht jede Altersregel ist ein Verbot und nicht jedes Verbot schützt. Entscheidend ist, dass Schutz, Befähigung und Teilhabe zusammen gedacht werden, wie es auch die UN-Kinderrechtskonvention vorsieht. Positive Beispiele dafür sind die Kindersuchmaschine “FragFINN” oder das Peer-Beratungsangebot der JUUUPORT-Scouts.

Welche Verantwortung tragen die Social-Media-Plattformen in diesem Zusammenhang?

Die größten Social-Media-Plattformen werden auf Grundlage lukrativer Geschäftsmodelle betrieben. Sie übernehmen jedoch nur eingeschränkt Verantwortung oder Haftung für schädliches Design oder für antidemokratische, gewalthaltige und desinformierende Inhalte. Die Regulierung anhand des Digital Services Act (DSA) der EU scheint noch nicht ausreichend zu wirken.
Beschwerdewege müssen leichter zugänglich sein und Vergehen der Plattformen müssen sanktioniert werden. „Jugendschutz by Design“, also der Verzicht auf Endlos-Feeds und suchtfördernde Mechanismen, würde die Plattformen für alle attraktiver machen. An den Stellen, wo individuelle oder gesellschaftliche Folgeschäden entstehen, müssen die Plattformunternehmen finanziell haftbar gemacht werden.

Was können Jugendliche und Eltern ganz konkret für einen gesünderen Umgang mit Social Media tun?

Der Beitrag von Jugendlichen und ihren Eltern ist sehr wichtig und zugleich im Kontrast zur Gesamtheit der notwendigen Maßnahmen ein kleiner Ausschnitt. Ein guter Umgang mit Social Media beginnt damit, Mediennutzung junger Menschen zuhause interessiert und kritisch zu begleiten und Regeln gemeinsam auszuhandeln. Da braucht es Verständnis, wie Jugendliche Social Media überhaupt nutzen. Ebenso wichtig ist es, Social-Media-Plattformen bewusst auszuwählen und das möglichst im sozialen Umfeld abzustimmen: in Familienchats, Freundeskreisen, Klassen oder Schulen.

Zusätzlich braucht es vielfältige attraktive, kreative und soziale Freizeitgestaltung – in analogen und in digitalen Räumen. Das können nicht alle Eltern oder Sorgeberechtigten gleichermaßen leisten, also sind professionelle pädagogische Bildungsangebote, etwa in Schulen, erforderlich. Gerade medienpädagogische Angebote für eine kritische und kompetente Mediennutzung müssen strukturell verankert und langfristig finanziert werden, um alle Beteiligten im Umgang mit diesen Herausforderungen zu unterstützen und Ungleichheiten entgegenzuwirken.

Social-Media-Report der TK

Social Media ist allgegenwärtig – gerade für Jugendliche spielen die sozialen Medien eine zentrale Rolle in ihrem Leben. Welche Auswirkungen hat das? Der Social-Media-Report der TK „Jugend zwischen Like und Limit“ liefert Antworten. Hier geht es zu den Ergebnissen.



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