Alle Artikel > „Wo waren wir stehengeblieben?“: Plädoyer für die Stärkung der Sprechenden Medizin

„Wo waren wir stehengeblieben?“: Plädoyer für die Stärkung der Sprechenden Medizin

10.08.2017

Was habe ich und was kann man dagegen tun? Der Patient von heute erwartet, gut beraten und aufgeklärt zu werden. Er möchte mitentscheiden, wenn es um seine Behandlung geht. In vielen Sprechzimmern herrscht jedoch hoher Zeitdruck, oft kommt das persönliche Gespräch zwischen Arzt und Patient zu kurz. Deshalb fordert die TK, Mediziner von unnötiger Bürokratie zu entlasten und die sogenannte „sprechende Medizin“ zu stärken.

Die Menschen in Deutschland wollen von ihren Ärzten umfassend aufgeklärt und beraten werden. Sie wollen selbstbestimmt in Sachen Gesundheit entscheiden. Das zeigt uns eine von der TK beauftragte Forsa-Studie, der Meinungspuls: Demnach erwarten 98 Prozent der Befragten von Ärzten, sie über alle Vor- und Nachteile von Behandlungsmethoden zu informieren. Dabei scheuen sie sich auch nicht davor, selbst Stellung zu beziehen. 97 Prozent der Befragten sagen es ihrem Arzt, wenn sie den Eindruck haben, eine Behandlung sei nicht die richtige für sie.

Patienten wollen stärker einbezogen werden

Wie groß der Wunsch nach eigener medizinischer Entscheidungskompetenz ist, zeigt auch, dass 84 Prozent der Befragten sich noch anderweitig informieren, bevor sie sich für eine Behandlungsmethode entscheiden. Gerade durch das Internet und die neuen Medien sind die Patienten heutzutage gut vernetzt und haben Zugang zu Laien- und Expertenwissen, welches sie mit ihrem persönlichen Befinden vergleichen. Der Gesetzgeber hat auf diese Entwicklung reagiert und die Informations- und Patientenrechte in den vergangenen Jahren wiederholt gestärkt. In der Folge erwarten viele Patienten – zu Recht – detaillierte Informationen von ihrem Arzt und wollen in die Therapieentscheidung eingebunden werden. Fachleute nennen dies „partizipative Entscheidungsfindung“ und bestätigen, dass sich diese positiv auf die Therapietreue, den Behandlungserfolg und die Zufriedenheit des Patienten auswirkt.


Im Vorfeld der Bundestagswahl 2017 erklärt TK-Politikchef Prof. Dr. Volker Möws die gesundheitspolitischen Forderungen der TK an die künftige Bundesregierung.


 

Keine Zeit zum Reden

Tatsächlich angemessen aufgeklärt und beraten fühlten sich bei ihrer letzten ernsteren Erkrankung drei Viertel der Befragten – jeder Fünfte kam jedoch unzufrieden aus dem Gespräch mit dem behandelnden Arzt. Viele Patienten verstehen ihren Arzt schlichtweg nicht, zum Teil liegt das am „Fachchinesisch“, zum Teil mangelt es im Sprechzimmer an ausreichend Zeit, um Sachverhalte zu erklären. Kompliziert wird die Entscheidungsfindung zudem durch das wachsende Spektrum an Präventions-, Therapie- und Rehabilitations-Möglichkeiten, das heutzutage für uns bereitsteht. Die Ärzte werden in diesem System zunehmend zu Koordinatoren. Anstatt selbst auszuführen, steuern sie den Patienten durch diese weite Versorgungslandschaft. Um gemeinsam eine präzise und zielgenaue Behandlung zu finden, müssen sich Arzt und Patient gegenseitig verständlich machen und verstehen können.

Eine Hilfestellung auf diesem Weg bieten Informations- und Beratungsangebote wie die TK-Reihe „Kompetent als Patient“. Interessierte lernen darin unter anderem, wie sie sich auf ein Arztgespräch vorbereiten und während des Gesprächs die richtigen Fragen stellen. Zudem geht es darum, wie ein vertrauensvoller Umgang mit dem Arzt möglich wird und wie eventuelle Konflikte gelöst werden können. Aber auch die Ärzte müssen noch stärker für das Thema Sprechende Medizin sensibilisiert werden.

Praxisalltag muss stärker auf sprechende Medizin ausgerichtet werden

In der Realität findet eine gemeinsame Entscheidungsfindung bisher leider nur selten statt. Ein Grund ist der Zeitdruck, unter dem viele Ärzte stehen. Um ihren Patienten wieder mit offenen Ohren entgegentreten zu können, müssen sie in ihren sonstigen Aufgaben entlastet werden, vor allem von der zeitaufwendigen bürokratischen Arbeit, die sie derzeit leisten.

Immerhin befasst sich die Ärzteschaft mittlerweile intensiv mit der Neudefinition ihres Berufsbilds und den damit verbundenen Aufgaben. Grundlegend ist dabei, dass mehr Aufgaben und Verantwortung als sogenannte „arztentlastende Leistung“ auf das Praxispersonal verlagert werden, so wie es von den Partnern des Bundesmantelvertrags festgelegt wurde. Eine bessere Aufgabenteilung macht den Arbeitsalltag nicht nur effizienter, sondern steigert auch die Qualität der Behandlung. Vor allem für strukturschwache Regionen auf dem Land, wo wenige Ärzte viele Patienten versorgen müssen, ergibt sich daraus eine Chance, die ärztliche Leistungserbringung wieder auf ihre Kerntätigkeit zu fokussieren: auf Patientengespräche und Therapiemaßnahmen.

Arztgespräch mit Patienten besser honorieren

Damit diese Aufgabenverteilung zwischen den Berufsgruppen funktioniert und sich die Ärzte die Zeit für längere Gespräche auch leisten können, müssten sie entsprechend vergütet werden. Das ginge zum Beispiel in Form regionaler Zuschläge je Behandlungsfall, wie es heute schon für die telemedizinische Leistungserbringung möglich ist (§ 87a SGB V). Zudem müssen Mediziner durch nichtärztliches Personal entlastet und die Chancen der Digitalisierung auch genutzt werden dürfen.

Wir müssen endlich davon wegkommen, vor allem die Apparate zu bezahlen, und verstärkt das Gespräch honorieren. Eine Kasse allein kann jedoch kaum darüber entscheiden, wie einzelne medizinische Leistungen im System der gesetzlichen Krankenkassen vergütet werden. Diese Aufgabe obliegt dem Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA), einem Gremium von Vertretern der gesetzlichen Krankenkassen, Krankenhäuser, Ärzte und Zahnärzte. Er entscheidet darüber, was Krankenkassen bezahlen.

Um hier die sprechende Medizin zu stärken, gilt es, sie wortwörtlich noch stärker ins Gespräch zu bringen. Von der Arzt-Patienten-Kommunikation bis in die gesundheitspolitischen Diskussionen der Bundesregierung. Nur so gelingt es uns, die Versorgung patientenorientiert zu gestalten.


Weiterlesen:

Hintergrundinformationen, Infografiken und den vollständigen Meinungspuls zum Download finden Sie in der digitalen Pressemappe im Portal „Presse & Politik“.

Der Bundestagswahl-Countdown auf Wir Techniker:

Die gesundheitspolitischen Forderungen der TK zur Bundestagswahl 2017 im Portal „Presse & Politik“.

TK-Chef Dr. Jens Baas: „Wann, wenn nicht jetzt? Das erwarte ich von der nächsten Bundesregierung.“

Datenverfügbarkeit zur Verbesserung der Versorgung: „Wie wir Big Data für die Versorgung nutzen können. Und müssen.“

Förderung neuer Versorgungsformen: „Das deutsche Gesundheitssystem braucht einen Innovationsschub“.

Koordinierte Notfallversorgung: „Ein Lotsensystem für die Notfallversorgung: Portalpraxen als Teil der Klinik-Notaufnahmen.“

Telemedizinische Fernbehandlung – warum zögern wir noch?

Kommentieren Sie als Erster diesen Artikel

    Weitere Artikel aus der Sammlung „Presse und Politik“

    0

    Koalitionsverhandlungen: Jetzt ist Mut gefragt!

    Koalitionsverhandlungen: Jetzt ist Mut gefragt!

    17.10.2017

    Bis auf die Debatte über die Bezahlung von Pflegekräften spielte die Gesundheitspolitik im Wahlkampf praktisch keine Rolle – komplexe Themen wie die Finanzierung der GKV, die Digitalisierung im Gesundheitswesen oder die sektorenübergreifende Versorgung gelten nicht als sonderlich wahlkampftauglich, obwohl sie viele Millionen Menschen in Deutschland direkt betreffen. Umso wichtiger ist es, den Fokus in den anstehenden Koalitionsverhandlungen auf eben diese hochrelevanten Themen zu legen.

    Bis auf die Debatte über die Bezahlung von Pflegekräften spielte die Gesundheitspolitik im Wahlkampf praktisch keine Rolle – komplexe Themen wie die Finanzierung der GKV, die Digitalisierung im Gesundheitswesen oder die sektorenübergreifende Versorgung gelten nicht als sonderlich wahlkampftauglich, obwohl sie viele Millionen Menschen in Deutschland direkt betreffen. Umso wichtiger ist es, den Fokus in den anstehenden Koalitionsverhandlungen auf eben diese hochrelevanten Themen zu legen.

    Artikel jetzt lesen
    0

    Darum gehört Medienkompetenz schon in die Kitas!

    Darum gehört Medienkompetenz schon in die Kitas!

    16.10.2017

    Die Freizeit, die Arbeitswelt oder der Gesundheitsmarkt - unsere Welt wird immer digitaler. Damit der Nachwuchs für die digitale Zukunft gewappnet ist, beginnt die Auseinandersetzung mit den Chancen und Risiken der Mediennutzung mittlerweile schon im Kita-Alter. Als Unterstützer und Treiber des digitalen Fortschritts sowie langjährigem Förderer von Gesundheitsprävention hat es sich die TK deshalb nicht nehmen lassen, gemeinsam mit der Diakonie und dem Projekt "Netz mit Web-Fehlern" den Medienfachtag "Smart sein?! Mobile Alleskönner in Kita und Familie" in Bad Hersfeld zu veranstalten.

    Die Freizeit, die Arbeitswelt oder der Gesundheitsmarkt - unsere Welt wird immer digitaler. Damit der Nachwuchs für die digitale Zukunft gewappnet ist, beginnt die Auseinandersetzung mit den Chancen und Risiken der Mediennutzung mittlerweile schon im Kita-Alter. Als Unterstützer und Treiber des digitalen Fortschritts sowie langjährigem Förderer von Gesundheitsprävention hat die TK gemeinsam mit der Diakonie und dem Projekt "Netz mit Web-Fehlern" den Medienfachtag "Smart sein?! Mobile Alleskönner in Kita und Familie" in Bad Hersfeld veranstaltet.

    Artikel jetzt lesen
    0

    Der Innovationsreport 2017 – kein grünes Licht für neue Medikamente

    Der Innovationsreport 2017 - Kein grünes Licht für neue Medikamente

    09.10.2017

    Die Preise neuer Arzneimittel steigen - doch echte Innovationen bleiben aus. Das ist das Ergebnis des Innovationsreports 2017, den die TK gemeinsam mit der Universität Bremen herausgegeben hat. In diesem wird kritisch beurteilt, inwieweit neue Arzneimittel tatsächlich einen Fortschritt im Versorgungsalltag darstellen. Mit Tim Steimle, Leiter des Fachbereichs Arzneimittel bei der TK und einem der Herausgeber, Professor Dr. Gerd Glaeske, sprechen wir über die im Report untersuchten neuen Arzneimittel des Jahres 2014. Der zeitliche Abstand ermöglicht den Autoren, die Präparate fundierter zu bewerten.

    Die Preise neuer Arzneimittel steigen - doch echte Innovationen bleiben aus. Das ist das Ergebnis des Innovationsreports 2017, den die TK gemeinsam mit der Universität Bremen herausgegeben hat. In diesem wird kritisch beurteilt, inwieweit neue Arzneimittel tatsächlich einen Fortschritt im Versorgungsalltag darstellen.

    Artikel jetzt lesen
    0

    Das erste Mal auf dem Gesundheitswirtschaftskongress

    Das erste Mal auf dem Gesundheitswirtschaftskongress

    28.09.2017

    Digitalisierung, Vernetzung und eine stärkere Fokussierung auf die Patienteninteressen - um diese Themen drehte sich der 13. Gesundheitswirtschaftskongress, der am 21. und 22. September 2017 im Grand Elysée-Hotel in Hamburg stattfand. Von der Veranstaltung berichtet unsere Hamburger Pressereferentin Luise Zink.

    Digitalisierung, Vernetzung und eine stärkere Fokussierung auf die Patienteninteressen - um diese Themen drehte sich der 13. Gesundheitswirtschaftskongress, der am 21. und 22. September 2017 im Grand Elysée-Hotel in Hamburg stattfand.

    Artikel jetzt lesen
    0

    Migräne-Aura visualisieren: In fünf Tagen zum Prototypen

    Migräne-Aura visualisieren: In fünf Tagen zum Prototypen

    25.09.2017

    Was haben eine Industriedesign-Studentin, ein angehender Mediziner, ein junges Start-up und ein Student aus Russland gemeinsam? Sie alle interessieren sich für die Frage, wie man mithilfe digitaler Anwendungen die Sehstörungen bei Migräne-Anfällen (Aura) darstellen kann. Bei der Prototyping Week während der Digitalen Woche Kiel stellen die vier das E-Health-Team. Fünf Tage lang haben sie Zeit, einen Prototypen zu entwickeln – die TK steht den Teilnehmern als Mentor bei Fragen rund um das Thema digitale Gesundheit zur Seite.

    Was haben eine Industriedesign-Studentin, ein angehender Mediziner, ein junges Start-up und ein Student aus Russland gemeinsam? Sie alle interessieren sich für die Frage, wie man mithilfe digitaler Anwendungen die Sehstörungen bei Migräne-Anfällen (Aura) darstellen kann. Bei der Prototyping Week während der Digitalen Woche Kiel steht ihnen die TK als Mentor bei Fragen rund um das Thema digitale Gesundheit zur Seite.

    Artikel jetzt lesen
    0

    Wo Ideen zu Versorgungsprodukten werden: Ein Besuch beim TK-Accelerator

    Wo Ideen zu Versorgungsprodukten werden: Ein Besuch beim TK-Accelerator

    14.09.2017

    Start-ups und Gesundheitswesen - zwei Welten treffen aufeinander: Am ersten großen Workshop-Tag des TK-Accelerator-Programms im Health Innovation Port in Hamburg hatten die drei Start-ups "Don't Be Afraid VR", "Mecuris" und "neolexon" die Gelegenheit, mit ihren Mentoren und zwei Vorständen der Techniker Krankenkasse ins Gespräch zu kommen. Mit dabei war unsere Praktikantin Tamara, die an diesem Tag zum ersten Mal in die Start-up-Welt eingetaucht ist und hier von ihren Eindrücken berichtet.

    Start-ups und Gesundheitswesen - zwei Welten treffen aufeinander: Am ersten großen Workshop-Tag des TK-Accelerators im HIP kamen die drei Start-ups "Don't Be Afraid VR", "Mecuris" und "neolexon" mit ihren Mentoren und zwei Vorständen der Techniker Krankenkasse ins Gespräch.

    Artikel jetzt lesen
    0

    Prothesen aus dem 3D-Drucker

    Prothesen aus dem 3D-Drucker

    07.09.2017

    Dieser Beitrag ist Teil des Start-up-Features von Wir Techniker im Rahmen des TK-Accelerators 2017. Unter zahlreichen Bewerbern wurde "Mecuris" als eines von drei jungen Unternehmen für das 100-tägige Mentoring-Programm ausgewählt.

    Dieser Beitrag ist Teil des Start-up-Features von Wir Techniker im Rahmen des TK-Accelerators 2017.

    Artikel jetzt lesen
    0

    Zeit zum Anpacken: Der Kodier-Anreiz muss weg.

    Zeit zum Anpacken: Der Kodier-Anreiz muss weg.

    07.09.2017

    Die gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland stehen im direkten Wettbewerb zueinander. Ein komplizierter Mechanismus, genannt Morbi-RSA, ist für die Verteilung der Beitragsgelder aus dem Gesundheitsfonds verantwortlich und soll theoretisch für faire Wettbewerbsbedingungen sorgen. Doch praktisch lohnt es sich für die Kassen mittlerweile mehr, das System zu beeinflussen statt die Versorgung zu verbessern. Dieser Fehlanreiz führt zu einer Unwucht, die die Existenz einiger Ersatzkassen bedroht.

    Die gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland stehen im direkten Wettbewerb zueinander. Ein komplizierter Mechanismus, genannt Morbi-RSA, ist für die Verteilung der Beitragsgelder aus dem Gesundheitsfonds verantwortlich und soll theoretisch für faire Wettbewerbsbedingungen sorgen.

    Artikel jetzt lesen
    0

    Bitte gib mir nur ein Wort! – Start-up neolexon geht neue Wege in der Sprachtherapie

    Bitte gib mir nur ein Wort! - Start-up neolexon geht neue Wege in der Sprachtherapie

    05.09.2017

    Dieser Beitrag ist Teil des Start-up-Features von Wir Techniker im Rahmen des TK-Accelerators 2017. Unter zahlreichen Bewerbern wurde "neolexon" als eines von drei jungen Unternehmen für das 100-tägige Mentoring-Programm ausgewählt.

    Dieser Beitrag ist Teil des Start-up-Features von Wir Techniker im Rahmen des TK-Accelerators 2017.

    Artikel jetzt lesen