Alle Artikel > Wie wir Big Data für die Versorgung nutzen können. Und müssen.

Wie wir Big Data für die Versorgung nutzen können. Und müssen.

13.07.2017

Eine der größten Chancen der voranschreitenden Digitalisierung liegt in der Erfassung und Analyse großer Datenmengen – kurz: Big Data. Seit geraumer Zeit kommt man auch im Gesundheitswesen nicht mehr an dem Begriff vorbei; allgegenwärtig ist die Diskussion in der Berliner Gesundheitspolitik darüber, wie sich einerseits Big Data für die Versorgung nutzen lässt und was andererseits strukturell notwendig ist, um dies fruchtbar zu gestalten.

Große Potenziale haben hierbei sogenannte Routinedaten, die anonymisiert standardisierte Informationen liefern: Sie können – intelligent genutzt – Forschungsfragen beantworten. Versicherte profitieren von diesen Antworten. Dabei geht es im gesamten Gesundheitssystem um Fortschritte in Forschung, Prävention, Versorgung, Diagnose und Therapie. Die Verfügbarkeit von Routinedaten ist jedoch noch immer teilweise eingeschränkt, damit ist die Aussagekraft von Datenauswertungen limitiert. Oft enden die Auswertungsmöglichkeiten an den Sektorengrenzen: Die Möglichkeit, sowohl stationär als auch ambulant erhobene Daten auszuwerten, ist begrenzt. Um das zu ändern, müssen die rechtlichen Rahmenbedingungen angepasst werden. Dabei ist Augenmaß gefragt, da viele sensible Daten im Gesundheitswesen besonderen Schutz bedürfen. Es gilt also auch genau hinzuschauen, über welche Form von Daten wir sprechen.

Routinedaten und ihre Relevanz für die Versorgung

Die Auswertung von Routinedaten ist ein wichtiger Baustein für Monitoring und Weiterentwicklung von Versorgungsangeboten in der gesetzlichen Krankenversicherung. Dementsprechend legt der Innovationsfonds einen Förderschwerpunkt auf den „Einsatz und die Verknüpfung von Routinedaten zur Verbesserung der Versorgung“. Die intelligente Verknüpfung von Daten aus verschiedenen Quellen bietet vielfältige Möglichkeiten auch für die Versorgungsforschung, die direkt für eine Verbesserung der Versorgung genutzt werden können. Dabei werden personalisierte Daten „pseudonymisiert“ – stehen also anonymisiert für die medizinische Forschung zur Verfügung.


Im Vorfeld der Bundestagswahl 2017 erklärt TK-Politikchef Prof. Dr. Volker Möws die gesundheits-politischen Forderungen der TK an die künftige Bundesregierung.


Welchen Wert Big Data für die Versorgung haben kann, zeigt sich aktuell anhand des TK-Geburtenreports – sozusagen einem „best practice“ für den Erkenntnisgewinn aus der großangelegten Routinedatenauswertung. Knapp 39.000 Datensätze aus dem Jahr 2008 von Müttern und ihren Neugeborenen hat die TK ausgewertet, um konkrete Ansatzpunkte für eine verbesserte Schwangerenvorsorge zu ermitteln. Um dieses Mammutprojekt auf die Beine zu stellen, musste sie eigens eine Genehmigung beim Bundesversicherungsamt einholen, um die Daten der Kohorte für zehn Jahre vorhalten zu dürfen. Mit den Ergebnissen der Auswertungen kann die TK zielgenauer arbeiten, wenn es um die Entwicklung neuer Versorgungsangebote für Schwangere geht.

Datenspende zu Forschungszwecken: Ein klares „Ja“ von der Bevölkerung

Das große Potenzial von Big Data für die medizinische Forschung spiegelt sich auch in der positiven Grundhaltung der Menschen in Deutschland gegenüber der Datennutzung wider, wie der aktuelle TK-Meinungspuls zeigt: Bei der Frage, ob die Menschen in Deutschland ihre persönlichen Gesundheits- und Fitnessdaten anonym für die medizinische Forschung zur Verfügung stellen würden, überwiegt ganz klar die Befürworter-Seite. Zwei Drittel der Befragten befürworten sowohl die Datenerhebung als auch die Datenweitergabe, um der Forschung und damit auch der Allgemeinheit zu helfen. Noch deutlicher sieht es bei der Zustimmung zur Datenweitergabe zwecks besserer Diagnosestellung schwerer Krankheiten und zur Früherkennung aus: Fast jeder zweite Befragte ist hier mit einer Weitergabe und Nutzung seiner Daten einverstanden.

 

Die Politik ist gefragt

Die digitale Solidarität ist hierzulande also im Kommen. Das freut uns, denn was die TK im Kern antreibt, ist die kontinuierliche Verbesserung der Versorgung ihrer Versicherten. An Auswertungen und Analysen anonymisierter Routinedaten kommen wir dabei nicht vorbei. Die sektorenübergreifende Verfügbarkeit dieser Daten und die Möglichkeiten ihrer Auswertung müssen jedoch besser werden.

Betrachtet man beispielsweise die leitliniengerechte Therapie und untersucht dabei  sektorenübergreifende Daten, so ist das Zeitfenster, das anhand von Routinedaten betrachtet werden kann, ganz unterschiedlich: Bei den stationären Daten können wir auf die letzten zehn Jahre zurückgreifen, bei den Arzneimittelverordnungen sind es sechs Jahre und bei den ambulanten Daten liegen die Aufbewahrungsfristen bei vier Jahren. Diese „Parallelwelten“ sollten abgeschafft werden. Die TK fordert daher von der Politik, in einem ersten Schritt die gesetzlichen Aufbewahrungsfristen für Abrechnungsdaten über alle Sektoren hinweg aufzuheben. Zudem sollten alle Diagnoseangaben tagesgenau und ebenfalls sektorenunabhängig dokumentiert werden. Das hieße, dass Daten präzise genutzt werden könnten – unabhängig davon, ob sie im Krankenhaus oder beim niedergelassenen Arzt erhoben wurden. Denn während auf den Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen ein tagesgenaues Diagnosedatum steht, liegen ambulante Diagnosen wiederum nur quartalsweise vor.

Als Sozialversicherungsträger gelten dabei für uns Krankenkassen im Umgang mit Daten strenge Regeln zum Datenschutz – und das ist gut so. Auf dieser Basis müssen die rechtlichen Rahmenbedingungen so angepasst werden, dass Erkenntnisse aus der Versorgungsforschung zu Krankheiten und Risiken den Versicherten unmittelbar zur Verfügung gestellt und von ihnen genutzt werden können.


Was sind Routinedaten:

Routine- oder Sekundärdaten im Gesundheitswesen sind standardisierte Informationen, die vorrangig zur Leistungsabrechnung von Versicherten erhoben werden und nicht in erster Linie für wissenschaftliche Studien. In den letzten Jahren jedoch wurden sie zunehmend auch zur Beantwortung ganz bestimmter Forschungsfragen herangezogen. Wichtig ist, dass der Datenschutz gewahrt wird. Die Daten werden für solche Auswertungen vorher anonymisiert.


Weiterlesen:

Digitale Chancen nutzen, Versorgungsqualität stärken und einen fairen Wettbewerb unter den Krankenkassen ermöglichen – hier geht es zu den gesundheitspolitischen Forderungen der TK zur Bundestagswahl 2017.

TK-Meinungspuls 2017: Video-Interviews, Infografiken und den kompletten Studienband zum Download finden Sie auf unserem Portal „Presse & Politik“.

Wie steht die TK zu den großen Themen der digitalen Gesundheit? Unser digitales Grundverständnis gibt Antworten.

Kommentieren Sie als Erster diesen Artikel

    Weitere Artikel aus der Sammlung „Presse und Politik“

    0

    Migräne-Aura visualisieren: In fünf Tagen zum Prototypen

    Migräne-Aura visualisieren: In fünf Tagen zum Prototypen

    25.09.2017

    Was haben eine Industriedesign-Studentin, ein angehender Mediziner, ein junges Start-up und ein Student aus Russland gemeinsam? Sie alle interessieren sich für die Frage, wie man mithilfe digitaler Anwendungen die Sehstörungen bei Migräne-Anfällen (Aura) darstellen kann. Bei der Prototyping Week während der Digitalen Woche Kiel stellen die vier das E-Health-Team. Fünf Tage lang haben sie Zeit, einen Prototypen zu entwickeln – die TK steht den Teilnehmern als Mentor bei Fragen rund um das Thema digitale Gesundheit zur Seite.

    Was haben eine Industriedesign-Studentin, ein angehender Mediziner, ein junges Start-up und ein Student aus Russland gemeinsam? Sie alle interessieren sich für die Frage, wie man mithilfe digitaler Anwendungen die Sehstörungen bei Migräne-Anfällen (Aura) darstellen kann. Bei der Prototyping Week während der Digitalen Woche Kiel steht ihnen die TK als Mentor bei Fragen rund um das Thema digitale Gesundheit zur Seite.

    Artikel jetzt lesen
    0

    Wo Ideen zu Versorgungsprodukten werden: Ein Besuch beim TK-Accelerator

    Wo Ideen zu Versorgungsprodukten werden: Ein Besuch beim TK-Accelerator

    14.09.2017

    Start-ups und Gesundheitswesen - zwei Welten treffen aufeinander: Am ersten großen Workshop-Tag des TK-Accelerator-Programms im Health Innovation Port in Hamburg hatten die drei Start-ups "Don't Be Afraid VR", "Mecuris" und "neolexon" die Gelegenheit, mit ihren Mentoren und zwei Vorständen der Techniker Krankenkasse ins Gespräch zu kommen. Mit dabei war unsere Praktikantin Tamara, die an diesem Tag zum ersten Mal in die Start-up-Welt eingetaucht ist und hier von ihren Eindrücken berichtet.

    Start-ups und Gesundheitswesen - zwei Welten treffen aufeinander: Am ersten großen Workshop-Tag des TK-Accelerators im HIP kamen die drei Start-ups "Don't Be Afraid VR", "Mecuris" und "neolexon" mit ihren Mentoren und zwei Vorständen der Techniker Krankenkasse ins Gespräch.

    Artikel jetzt lesen
    0

    Prothesen aus dem 3D-Drucker

    Prothesen aus dem 3D-Drucker

    07.09.2017

    Dieser Beitrag ist Teil des Start-up-Features von Wir Techniker im Rahmen des TK-Accelerators 2017. Unter zahlreichen Bewerbern wurde "Mecuris" als eines von drei jungen Unternehmen für das 100-tägige Mentoring-Programm ausgewählt.

    Dieser Beitrag ist Teil des Start-up-Features von Wir Techniker im Rahmen des TK-Accelerators 2017.

    Artikel jetzt lesen
    0

    Zeit zum Anpacken: Der Kodier-Anreiz muss weg.

    Zeit zum Anpacken: Der Kodier-Anreiz muss weg.

    07.09.2017

    Die gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland stehen im direkten Wettbewerb zueinander. Ein komplizierter Mechanismus, genannt Morbi-RSA, ist für die Verteilung der Beitragsgelder aus dem Gesundheitsfonds verantwortlich und soll theoretisch für faire Wettbewerbsbedingungen sorgen. Doch praktisch lohnt es sich für die Kassen mittlerweile mehr, das System zu beeinflussen statt die Versorgung zu verbessern. Dieser Fehlanreiz führt zu einer Unwucht, die die Existenz einiger Ersatzkassen bedroht.

    Die gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland stehen im direkten Wettbewerb zueinander. Ein komplizierter Mechanismus, genannt Morbi-RSA, ist für die Verteilung der Beitragsgelder aus dem Gesundheitsfonds verantwortlich und soll theoretisch für faire Wettbewerbsbedingungen sorgen.

    Artikel jetzt lesen
    0

    Bitte gib mir nur ein Wort! – Start-up neolexon geht neue Wege in der Sprachtherapie

    Bitte gib mir nur ein Wort! - Start-up neolexon geht neue Wege in der Sprachtherapie

    05.09.2017

    Dieser Beitrag ist Teil des Start-up-Features von Wir Techniker im Rahmen des TK-Accelerators 2017. Unter zahlreichen Bewerbern wurde "neolexon" als eines von drei jungen Unternehmen für das 100-tägige Mentoring-Programm ausgewählt.

    Dieser Beitrag ist Teil des Start-up-Features von Wir Techniker im Rahmen des TK-Accelerators 2017.

    Artikel jetzt lesen
    0

    Brille an, Phobie aus. Wie funktioniert Virtual Reality in der Angsttherapie?

    Brille an, Phobie aus. Wie funktioniert Virtual Reality in der Angsttherapie?

    04.09.2017

    Dieser Beitrag ist Teil des Start-up-Features von Wir Techniker im Rahmen des TK-Accelerators 2017. Unter zahlreichen Bewerbern wurde "Don't Be Afraid VR" als eines von drei jungen Unternehmen für das 100-tägige Mentoring-Programm ausgewählt.

    Dieser Beitrag ist Teil des Start-up-Features von Wir Techniker im Rahmen des TK-Accelerators 2017.

    Artikel jetzt lesen
    0

    Warum es beim Ärztemangel nicht an Ärzten mangelt

    Warum es beim Ärztemangel nicht an Ärzten mangelt

    31.08.2017

    In ländlichen und strukturschwachen Regionen ist er häufig ein Problem: Der Arztmangel. Wenn der örtliche Mediziner seine Praxistür zum letzten Mal hinter sich schließt, verliert nicht selten eine ganze Region an Lebensqualität. Kein Wunder, dass viele Bürgermeister und Landräte dann lautstark klagen und schnell bei der Forderung nach "mehr Ärzten" sind. Doch das Prinzip "Viel hilft viel" ist bei diesem Thema keine Lösung. Denn die Statistik zeigt: Die Zahl der Ärzte in Deutschland steigt von Jahr zu Jahr. Das Problem ist nicht die Zahl der Ärzte, sondern ihre Verteilung.

    In ländlichen und strukturschwachen Regionen ist er häufig ein Problem: Der Arztmangel. Wenn der örtliche Mediziner seine Praxistür zum letzten Mal hinter sich schließt, verliert nicht selten eine ganze Region an Lebensqualität. Kein Wunder, dass viele Bürgermeister und Landräte dann lautstark klagen und schnell bei der Forderung nach "mehr Ärzten" sind. Doch das Prinzip "Viel hilft viel" ist bei diesem Thema keine Lösung. Denn die Statistik zeigt: Die Zahl der Ärzte in Deutschland steigt von Jahr zu Jahr. Das Problem ist nicht die Zahl der Ärzte, sondern ihre Verteilung.

    Artikel jetzt lesen
    0

    Virtual Reality im Gesundheitswesen – ein Rückblick auf die HLS Cloud Conference

    Virtual Reality im Gesundheitswesen - ein Rückblick auf die HLS Cloud Conference

    29.08.2017

    Was Virtual Reality im Bereich der Gesundheitsprävention kann, wo sie aber auch Gefahrenpotenzial im Hinblick auf Mediensucht in sich birgt - darüber diskutierten Experten auf der Fachtagung HLS Cloud Conference in Frankfurt, die von der Hessischen Landesstelle für Suchtfragen in Kooperation mit der TK-Landesvertretung in Hessen ausgerichtet wurde.

    Was Virtual Reality im Bereich der Gesundheitsprävention kann, wo sie aber auch Gefahrenpotenzial im Hinblick auf Mediensucht in sich birgt - darüber diskutierten Experten auf der Fachtagung HLS Cloud Conference in Frankfurt, die von der Hessischen Landesstelle für Suchtfragen in Kooperation mit der TK-Landesvertretung in Hessen ausgerichtet wurde.

    Artikel jetzt lesen
    0

    Im Zweifelsfall gegen das Skalpell

    Im Zweifelsfall gegen das Skalpell

    24.08.2017

    Im orthopädischen Bereich wird häufig operiert, was anders behandelt werden könnte. Eine unabhängige ärztliche Zweitmeinung kann sicherstellen, dass nur Eingriffe durchgeführt werden, die wirklich medizinisch notwendig sind. Bisher fehlt es aber noch an einheitlichen Richtlinien für ein geregeltes Zweitmeinungsverfahren. Dabei zeigen Beispiele wie das Zweitmeinungs-Angebot der TK, wie es gehen kann.

    Im orthopädischen Bereich wird häufig operiert, was anders behandelt werden könnte. Eine unabhängige ärztliche Zweitmeinung kann sicherstellen, dass nur Eingriffe durchgeführt werden, die wirklich medizinisch notwendig sind. Bisher fehlt es aber noch an einheitlichen Richtlinien für ein geregeltes Zweitmeinungsverfahren. Dabei zeigen Beispiele wie das Zweitmeinungs-Angebot der TK, wie es gehen kann.

    Artikel jetzt lesen