Nicole Battenfeld

Telemedizin auf Schwyzerdütsch

Während die Telemedizin im deutschen Gesundheitssystem eher noch in den Kinderschuhen steckt, ist sie in anderen europäischen Ländern wie der Schweiz oder Estland schon längst in der Versorgungsrealität angekommen.

Die TK fordert und fördert den Ausbau digitaler Behandlungsformen im deutschen Gesundheitssystem – und wagt auch den Blick über die Grenze, zum Beispiel auf das Versorgungsnetzwerk Medgate beim Nachbarn in der Schweiz.

 
Martina ist beunruhigt. Nach einem Ausflug an den Badesee hat sie in der Nähe ihres Bauchnabels eine Zecke entdeckt. Beim Entfernen ist der Kopf stecken geblieben. Was nun? Statt sich am Montagvormittag in ein überfülltes Wartezimmer zu setzen, ruft sie bei Medgate an – so, wie es ihr Schweizer Versicherungsmodell vorsieht. Beim telefonischen „Patientenempfang“ gibt sie ihre Personalien an, schildert ihren Fall und wird gebeten, per E-Mail ein Foto von der Wunde zu schicken. Wenig später bekommt sie den versprochenen Rückruf eines Medgate-Mediziners.

Die Schweiz ist ein paar Schritte weiter, aber lange nicht am Ziel

Diese Szenerie schildert uns Dr. Timo Rimner, einer der Leitenden Ärzte von Medgate in Basel, als wir von der TK-Landesvertretung Baden-Württemberg zu Besuch in dem Telemedizin-Zentrum sind. Medgate besteht seit 1999, ist mittlerweile schweizweit führender Anbieter für integrierte Versorgung und das größte ärztlich betriebene telemedizinische Zentrum in Europa. Das Netzwerk besteht aus dem Telemedicine Center – der zentralen Anlaufstelle für Patienten, zwei Medgate Health Centers – Ärztezentren, in denen Allgemeinmediziner und Spezialisten unter einem Dach arbeiten – und dem sogenannten Partner Network, in dem sich Grundversorger, Kliniken, Spezialisten und Apotheken mit Medgate vernetzen.

Eine flächendeckende digitale Vernetzung des Schweizer Gesundheitswesens? Das ist trotz eines wachsenden Netzwerks wie Medgate noch Zukunftsmusik. „Wir führen eine interne Patientenakte, aber Spitäler oder Ärzte haben darauf keinen Zugriff“, sagt Dr. Timo Rimner.

„Wir leisten eine sichere Medizin“

Dr. Timo Rimner ist verantwortlich für die Steuerung des medizinischen Call-Centers sowie für die Dienstleistungen, die Medgate im Auftrag der Krankenversicherer den Patienten gegenüber erbringt.

Die Dokumentation bei Medgate ist umfassend. Stimmt der Versicherte zu, wird jedes Telefongespräch aufgezeichnet. „Wir leisten eine sichere Medizin. Der beratende Arzt muss seine Grenzen kennen und ein scharfes Bild des Problems haben. Nur dann darf er eine abschließende Empfehlung aussprechen. Im Zweifelsfall wird der Patient an unser Health Center oder einen niedergelassenen Arzt überweisen“, erklärt Rimner.

40 bis 50 Prozent der Patienten benötigen nach der fernmündlichen Behandlung keine weitere Hilfe mehr. So auch unsere Beispiel-Patientin Martina: Der Arzt hat in ihrer Akte gesehen, dass sie gegen FSME, die von Zecken übertragbare Frühsommermeningoenzephalitis, geimpft ist und keine Allergien bestehen. Er empfiehlt, die Einstichstelle zu desinfizieren und weiter zu beobachten. Eine Woche später wird er wieder anrufen und sich nach dem Verlauf erkundigen.

Video-Sprechstunden hat Medgate in den vergangenen Jahren neben der telefonischen Sprechstunde auch angeboten. Da das Unternehmen jedoch gerade dabei ist, ein neues System einzuführen, bietet es diese momentan nicht mehr an. Im Gegensatz zu Deutschland, wo die Video-Sprechstunde seit Kurzem in der Regelversorgung angekommen ist. „Unsere Ärzte haben gelernt, mit den Ohren zu sehen“, sagt Rimner. Dazu würden sie theoretisch und praktisch geschult. Außerdem greifen sowohl der Empfang als auch die Mediziner bei der Telefonberatung auf interne Richtlinien zurück. Die Software liefert Informationen zu Krankheitsbildern und Symptomen und weist auf wichtige Fragen hin, die dem Patienten unbedingt gestellt werden müssen. Führt ein Gespräch zu der Erkenntnis, dass der Patient lebensbedrohlich erkrankt ist, wird ein Notruf bei der ihm am nächsten gelegenen Leitstelle ausgelöst. Etwa drei bis fünf Mal am Tag ist das nötig.

Ein Modell, das auch Deutschland inspirieren kann?

Etwas „ausgelöst“ hat auch der erste Besuch der TK-Landesvertretung Baden-Württemberg bei Medgate vor rund zwei Jahren: Damals waren Vertreter der Ärztekammer und der Kassenärztlichen Vereinigung mit von der Partie, die sich von der Arbeitsweise der Schweizer schwer beeindruckt zeigten. Im Juli letzten Jahres hat nun die Landesärztekammer in Baden-Württemberg das Fernbehandlungsverbot gelockert, was bundesweit einmalig ist. Noch in diesem Jahr wird die KV unter dem Namen „Doc direkt“ ärztliche Callcenter in den Pilotregionen Stuttgart und Tuttlingen starten. Auf dem Bundesärztetag in Freiburg wurde außerdem beschlossen, dass auch die Kammern weiterer Bundesländer dem Beispiel folgen können.

Andreas Vogt, Leiter der TK-Landesvertretung Baden-Württemberg, sagt:

„Der Kontakt zu Medgate hat sich für uns als TK wirklich bewährt. Auch wenn wir das Geschäftsmodell in Deutschland nie eins zu eins umsetzen werden, hat das Vorbild die richtigen Leute inspiriert“.

Andreas Vogt ist Leiter der TK-Landesvertretung in Baden-Württemberg.

Es sei ein wertvolles Argument gegenüber den Kritikern in der Ärzteschaft, dass die Telemedizin in anderen Ländern bereits Versorgungsrealität ist und auch funktioniert. „Aber wir möchten nicht

von den Einschätzungen der einzelnen Kammern abhängig sein und sehen deshalb den Gesetzgeber gefordert. Er muss klarstellen, unter welchen Voraussetzungen medizinische Fernbehandlungen auch ohne vorausgegangenen Kontakt zwischen Arzt und Patient zulässig sind. Dies könnte etwa bei immobilen Patientengruppen, besonderen Behandlungsgebieten oder Erkrankungen im Urlaub der Fall sein“, betont Vogt.

Das Thema Telemedizin und ihr Ausbau in der Landschaft des deutschen Gesundheitssystems bleibt in Zukunft ein wichtiges Anliegen für die TK – insbesondere angesichts der bevorstehenden Bundestagswahl am 24. September. So forderte erst vergangene Woche der TK-Politikchef Dr. Volker Möws in einem Blogbeitrag, dass Deutschland endlich einen geregelten rechtlichen Rahmen für den Ausbau der Telemedizin in der Patientenversorgung schaffen müsse. Telemedizinische Modelle wie Medgate in der Schweiz können dabei aufzeigen, wie es gehen könnte.

Fotos: Medgate


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