Johanna Küther

Cybermobbing: 17 Prozent der Schüler:innen sind betroffen

Für die bislang größte Studie zum Thema Cybermobbing  wurden deutschlandweit mehr als 6.000 Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte und Eltern befragt.

Uwe Leest, Vorstandsvorsitzender des Bündnis gegen Cybermobbing e.V., berichtet im Interview von den neuesten Erkenntnissen.

Herr Leest, was hat sich in Sachen Cybermobbing seit der letzten Studie verändert?

Zum einen hat sich die Anzahl der Betroffenen um 36 Prozent erhöht. Während 2017 rund 13 Prozent angaben, bereits Opfer von Cybermobbing gewesen zu sein, waren es 2020 mehr als 17 Prozent. Nun haben wir mit Corona natürlich die Sondersituation, dass sich durch die Schulschließungen im Frühjahr die Kommunikation und damit auch die Konfrontationen größtenteils ins Internet verlagert haben. Zudem hat sich auch die Qualität des Cybermobbings verändert. Die Täter mobben immer intensiver und ihre Opfer empfinden die Intensität, mit der im Netz auf sie „eingedroschen“ wird, als immer stärker. Das hat dramatische Konsequenzen: Jeder vierte Schüler hat schon einmal mit dem Gedanken gespielt, Suizid zu begehen. Auch der Anteil derer, die sich vor dem Cybermobbing in Alkohol- oder Tablettenkonsum flüchten, ist im Vergleich zur letzten Studie um 30 Prozent gestiegen.

Vorstandsvorsitzender des Bündnis gegen Cybermobbing e.V. Uwe Leest

Wer ist Cybermobbing besonders ausgesetzt?

Wir haben Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 8 und 21 Jahren befragt und dabei festgestellt, dass die Gruppe der 13- bis 17-Jährigen besonders stark betroffen ist. Jeder Vierte von ihnen ist oder war Opfer von Cybermobbing. Besonders prekär: Selbst wenn der familiäre Hintergrund Unterstützung bieten könnte, ist die Phase der Pubertät oftmals eine, in der Jugendliche sich von Eltern und Lehrern abkapseln, anstatt sich ihnen anzuvertrauen.

Welche Erkenntnis aus der Studie hat Sie besonders betroffen gemacht?

Das Thema wird immer stärker zum Problem in Grundschulen – und die Opfer somit immer jünger. Kinder sind heute viel früher in der digitalen Welt unterwegs, ohne hierfür entsprechend geschult zu sein. Lehrer und Eltern auf der anderen Seite fühlen sich gleichermaßen überfordert damit, Betroffenen zu helfen. Lehrer sind mit Aufgaben wie der Inklusion oder der Digitalisierung der Schulen schon voll ausgelastet. Viele Eltern hingegen fühlen sich von den digitalen Welten, in denen ihre Kinder unterwegs sind, überfordert. Es mangelt an Angeboten, die sie mit dem nötigen Rüstzeug ausstatten, um ihren Kindern zu helfen. Das ist ein systemisches Problem.

Das Thema wird immer stärker zum Problem in Grundschulen - und die Opfer somit immer jünger. Kinder sind heute viel früher in der digitalen Welt unterwegs, ohne hierfür entsprechend geschult zu sein.

Was muss getan werden, um dem Trend entgegenzuwirken?

Ganz klar: Die Taten müssen sanktioniert werden. Wenn man weiß, wer mobbt, kann man dagegen vorgehen. Oftmals handeln die Täter jedoch anonym, und der Staat ist nicht handlungsfähig, geltendes Recht durchzusetzen. Die aktuellen Rechtsgrundlagen machen es den Tätern viel zu leicht. Sie können weiter beleidigen oder drohen, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. Also müssen wir uns als Gesellschaft die Frage stellen, ob wir das weiterhin akzeptieren können. Wenn es um die Einschränkung von Äußerungen im Internet geht, wird oft die Meinungsfreiheit herangezogen. Wir haben in unserem Grundgesetz die Würde des Menschen und die Meinungsfreiheit festgeschrieben. Das sind unglaublich wichtige Werte. Aber dort, wo diese Meinungsfreiheit anonym genutzt wird, um die Würde Einzelner – und in diesem Fall besonders Schutzbedürftiger – anzugreifen, müssen wir einschreiten!

Wie können wir Kinder stärken?

Kinder müssen Selbstvertrauen entwickeln. Wenn es regnet und ungemütlich wird, zieht man sich warm an und geht trotzdem raus. Das gilt es Kindern beizubringen. Hierbei sind alle Beteiligten gefragt, aber insbesondere Familien. Wenn man früher auf dem Schulhof verprügelt wurde, hat einen der Vater zum Karateunterricht geschickt. Heute müssen wir Kinder verhaltenspsychologisch stark machen, damit sie sich auch im virtuellen Raum wehren können.


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