Social Media prägt den Alltag vieler Jugendlicher. Gleichzeitig wird aktuell emotional über mögliche Altersbeschränkungen oder ein Social-Media-Verbot diskutiert. Der Social-Media-Report: „Jugend zwischen Like und Limit“ der TK hat gezeigt, dass die intensive Nutzung mit mehr gesundheitlichen Auffälligkeiten verbunden ist – und dass auch viele Jugendliche sich selbst eine Beschränkung vorstellen können. Im Interview erklärt Lilli Berthold, stellvertretende Generalsekretärin der Bundesschüler*innenkonferenz, warum Altersgrenzen allein aber keine Lösung sind.
Lilli Berthold, stellvertretende Generalsekretärin der Bundesschüler*innenkonferenz
Wie nehmt ihr als Bundesschüler*innenkonferenz die Bedeutung von Social Media im Alltag von jungen Menschen wahr?
Social Media ist für junge Menschen zu einem wichtigen Bestandteil des Alltags geworden. Soziale Kontakte entstehen nicht mehr nur im realen Zusammensein, sondern auch über Plattformen wie Instagram, TikTok, WhatsApp, Discord oder Reddit. Es geht dabei nicht nur um das reine Konsumieren von Inhalten, sondern auch darum, in Kontakt zu bleiben. Social Media ist zu einem zweiten sozialen Gefüge geworden. Als junger Mensch merkt man häufig gar nicht mehr, ob Freundschaften eher im „echten“ Zusammensein oder eher online gepflegt werden. Beides geht fließend ineinander über und hängt eng zusammen.
Zur Person
Lilli Berthold ist stellvertretende Generalsekretärin der Bundesschüler*innenkonferenz. Die 18-jährige aus Sachsen-Anhalt beschäftigt sich in ihrer Funktion vor allem mit den Themen politische Bildung und mentale Gesundheit.
Wie steht die Bundesschüler*innenkonferenz zur Diskussion um eine mögliche Altersbeschränkung für Social-Media-Plattformen?
Wir wollen kein pauschales Alter festlegen, ab dem man Social Media nutzen darf. Solche Altersgrenzen gibt es auf vielen Plattformen schon heute und sie werden einfach umgangen. Eine feste Grenze sorgt nicht automatisch dafür, dass Jugendliche ab diesem Tag reflektiert mit Social Media umgehen. Verbote verschieben die Probleme bei der Nutzung von Social Media nur, lösen sie aber nicht.
Statt Altersgrenzen und Verboten wollen wir unabhängig vom Alter alle dazu befähigen, Social Media altersangemessen zu nutzen. Grundschulkinder, die zum ersten Mal ein eigenes Handy in der Hand halten, haben andere Bedürfnisse als 16-Jährige, die ihren Konsum bereits kritisch hinterfragen können.
Im Rahmen eurer Kampagne „Uns geht’s gut?“ macht ihr auf die mentale Gesundheit von jungen Menschen aufmerksam. Welche Rolle spielt Social Media dabei?
Social Media ist nicht nur der eigene Freundeskreis. Man sieht Menschen aus der ganzen Welt, ohne sie wirklich zu kennen. Mit Influencern haben wir keine echte Beziehung, aber ihr Content hat Einfluss auf uns. Wir vergleichen uns mit ihnen und machen sie vielleicht sogar zu Vorbildern. Dabei zeigen sie meist nur eine sehr einseitige, stark bearbeitete Version von sich. Dieser ständige Vergleichsdruck kann psychische Folgen haben.
Die Mechanismen der Plattformen sind außerdem oft bewusst auf möglichst lange Nutzungszeiten ausgelegt und können zu einem Suchtverhalten führen, besonders bei Kurzvideos. Das alles kann am Ende auch zu körperlichen Folgen wie Schlafmangel oder Essstörungen führen. Das gilt aber nicht nur für junge Menschen, sondern für alle, die Social Media nutzen. Auch deshalb setzen wir auf mehr Unterstützungsangebote zur Befähigung statt auf Verbote.
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Was wünscht ihr euch konkret an Unterstützung?
Es braucht vielschichtige Angebote: Dazu gehören unter anderem klare Regeln für die Plattformen und die großen Konzerne, die dahinterstehen. Sie haben ein Profitinteresse daran, Suchtverhalten auszulösen. Hier muss die EU stärker regulieren und nicht einfach darauf warten, dass es irgendwann von selbst besser wird.
Das private Umfeld und die Schule spielen aber auch eine wichtige Rolle. Viele Eltern haben auch Probleme im Umgang mit Social Media. Für sie braucht es Unterstützungsangebote, die sie dann auch als Unterstützung für die eigenen Kinder nutzen können. In der Schule sollte es eine Möglichkeit für Jugendliche geben, sich aktiv Hilfe zu suchen. Es reicht aber nicht erst zu reagieren, wenn es schon Probleme gibt. Wir wünschen uns Medienpädagog:innen vor Ort, die zum Beispiel Workshops oder Fortbildungen anbieten, und Lehrkräfte, die Warnsignale erkennen können.
Das Wichtigste für mich ist eine gemeinsame Awareness: Wir dürfen das Thema nicht ausblenden und müssen uns auch untereinander unterstützen: im Klassenverband oder im Freundeskreis.
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Was stört euch am meisten an der aktuellen politischen Debatte?
Wenn ich mir die Expertenkommission „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“ oder Talkshows zu dem Thema angucke, sind fast nie Menschen dabei, die von Verboten und Altersbeschränkungen tatsächlich betroffen wären. Manchmal sitzen junge Erwachsene in den Runden, aber kaum Jugendliche, die mitten im Schulalltag stehen und Social Media jeden Tag nutzen.
Bei anderen Themen ist die Situation eine andere: Wenn es etwa um eine Wehrpflicht geht, werden junge Männer eingeladen, die direkt betroffen wären. Bei Kindern und Jugendlichen entsteht dagegen häufig eine Form von Adultismus: Es wird über sie gesprochen und entschieden, aber nicht mit ihnen. Wir wünschen uns, dass junge Menschen in Entscheidungsprozessen und in der medialen Debatte eine eigene Rolle bekommen – gerade bei Themen, die ihren Alltag so stark betreffen wie Social Media.
Social-Media-Report: Jugend zwischen Like und Limit
Social Media ist allgegenwärtig – gerade für Jugendliche spielen die sozialen Medien eine zentrale Rolle in ihrem Leben. Welche Auswirkungen hat das? Der Social-Media-Report der TK „Jugend zwischen Like und Limit“ liefert Antworten. Hier gibt es alles zum Report.